Kleine Bäcker- und Metzgerbetriebe sind bedroht
Qualität ist nicht wurst

Toni Landgraf (links) und seine Frau Gabi arbeiten in ihrem Tirschenreuther Familienbetrieb aus Überzeugung. Ob Sohn Andreas die Metzgerei zum 100. Geburtstag in 11 Jahren führt, ist noch unklar. Bild: Norbert Grüner
Vermischtes
Windischeschenbach
12.08.2016
1688
1

Das Handwerk des Bäckers und Metzgers droht zu verschwinden. Auch die Entwicklung in der Oberpfalz ist alarmierend. Billigware aus Discountern zerstört viele kleine Betriebe. Ein Umdenken der Kunden könnte sie retten.

Seit 1998 hat sich die Zahl der Bäckerei- und Fleischerunternehmen in Deutschland nahezu halbiert, meldet die Bundesregierung. Zwar verschwanden in der nördlichen Oberpfalz erst knapp ein Drittel der Betriebe seit 1998. Doch die Sorgen sind trotzdem groß.

"Wahrscheinlich wird unsere Branche erst richtig geschätzt, wenn es sie nicht mehr gibt." Metzgermeister Toni Landgraf seufzt schwer. "Lebensmittel sind zu Ramschartikeln verkommen. Fleisch bekommt man heutzutage überall, von der Tankstelle bis zum Dicounter", klagt er. Die Entwicklung sei auch auf das moderne Essverhalten zurückzuführen: "Viel, billig, schnell." Schnellrestaurants kämen diesem Bedürfnis entgegen: "Rein, essen, raus. Genießen wird dabei aufs Abstellgleis gestellt."

Lebensmittel sind zu Ramschartikeln verkommen. Fleisch bekommt man heutzutage überall, von der Tankstelle bis zum Dicounter.Toni Landgraf, Metzgermeister aus Tirschenreuth


Dabei hat Landgraf dem Trend einiges entgegenzusetzen: "Qualität, Herkunft, Beratung." Zwischen Hackbeil und Fleischwolf spielt der Metzgermeister aus Tirschenreuth auch mal den Psychologen. "Wir verkaufen nicht nur unsere Ware. Wir hören uns auch die persönlichen Probleme unserer Kunden an. Dagegen ist der Discounter doch ein toter Laden." Landgraf denkt, dass es noch wesentlich mehr Betriebsschließungen geben wird. Grund ist auch der fehlende Nachwuchs. "Unsere Branche ist vollkommen überaltert." Der Beruf sei einfach nicht mehr so attraktiv für die jungen Leute. "Der Metzgerberuf ist mit körperlicher Arbeit verbunden." Auch das Gehalt ist eher niedrig. Laut Bundesagentur für Arbeit liegt in Bayern das mittlere Entgelt eines Fleischers bei 2093 Euro brutto. Ein Bürokaufmann hingegen verdient 2952 Euro brutto.

Familienbetriebe in Gefahr


Nächstes Jahr besteht die Metzgerei Landgraf 90 Jahre. Ob der Laden noch seinen 100. Geburtstag feiern kann, dessen ist sich Landgraf nicht so sicher. Sein Sohn zögert noch, den Familienbetrieb zu übernehmen. "Das ist viel Arbeit und viel Verantwortung", erzählt der 28-jährige Andreas Landgraf. Doch die Skandale um Massentierhaltung würden kleineren Metzgereien helfen: "Ich will nicht, dass die Tiere leiden, die wir schlachten. Wir nehmen uns Zeit dafür und setzen sie nicht unter Stress."

Die Bäckerei Buchner gehört zu einem der 13 Bäcker-Betriebe, die zwischen 2004 und 2015 aus dem Landkreis Tirschenreuth verschwanden. Im Jahr seines 102. Geburtstags schloss der Familienbetrieb aus Neusorg. Claudia König arbeitete dort bis zuletzt als Verkäuferin, ihr Bruder Bernhard Buchner stand in der Backstube. Schuld für die Schließung seien auch die beiden großen Supermärkte, die sich in der kleinen Gemeinde mit knapp 2000 Einwohnern angesiedelt haben. "Wenn den Leuten am Samstag um 20 Uhr einfällt, dass sie noch Semmeln haben wollen, da konnten wir natürlich nicht mithalten." Einen Nachfolger unter den Kindern gab es auch nicht. Der Beruf sei für junge Leute nicht mehr attraktiv. "Wenn sie es sich aussuchen können, dann gehen die jungen Menschen freilich lieber ins Büro."

Mehl von nebenan


Ein Bäcker-Lehrling verdient im ersten Lehrjahr laut Tarifvertrag 470 Euro. "Die Bezahlung ist nicht das Problem. Viele Bäcker bezahlen übertariflich und es gibt Aufstiegschancen", wendet Georg Forster ein. Auch er sucht Personal, obwohl sein Geschäft gut läuft. "Wir haben uns auf Nischen spezialisiert", erklärt er sein Unternehmenskonzept. Forster bietet Bio-Backwaren im Hauptgeschäft in Windischeschenbach an und beliefert Läden in der nördlichen Oberpfalz. Mehl und Gewürze kommen aus der Region, das betont er immer wieder. "Wir profitieren davon, dass die Leute wieder wissen wollen, wo ihr Essen herkommt."





1 Kommentar
44
Evelin Lehnert aus Brand | 12.08.2016 | 17:45  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.