Magdalena Kraus auf der "Schneid-Alm"
Eine zweite Heimat gefunden

Den Wolken ganz nah - in den Bergen fühlt sich Magdalena Kraus wie Zuhause. Bild: hfz
Vermischtes
Windischeschenbach
08.04.2016
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Von Bergen umgeben, den Sonnenaufgang beobachten und auch im Sommer den Schnee funkeln sehen - ein Traumurlaub. Den hat sich Magdalena Kraus auf der "Schneid-Alm" im Passeiertal bei Pfelders erfüllt.

Windischeschenbach/Pfelders. Nach der Ausbildung wollte die Gerbersdorferin etwas anderes erleben und entschied sich für eine Sommersaison auf der Alm. Die außergewöhnliche Zeit ist aber vorbei: Statt in der Hütte sitzt sie wieder im Büro und arbeitet als technische Zeichnerin. Dreieinhalb Monate hat sie auf der Alm verbracht

Einen Bezug zum Dorf Pfelders und zur Mentalität der Menschen hat die 21-Jährige seit Kindertagen. Sie hat dort im Urlaub mit der Familie und Freunden Skifahren gelernt. Eigentlich wollte sie nicht so weit weg, aber zufällig ergab sich für Magdalena die Möglichkeit. Heidi, die Wirtin der "Schneid", betreibt im Winter ein Pistenpub, für den Sommer suchte sie eine Hilfe für die Alm.

So ging es für Magdalena von Juni bis Oktober in die Berge. "Es war gar nicht so leicht, die Koffer zu packen. Immerhin muss man überlegen, was man die nächsten drei Monate so braucht. Wie viel Duschgel? Reichen drei Tuben Zahnpasta? Und welche Klamotten packe ich ein?" Langeweile gab es auf der Alm nicht. Der Sommer war heiß, und um 6 Uhr morgens kamen oft die ersten Wanderer, um den Sonnenaufgang zu erleben.

Harter Alltag


Werner Ennemoser, der Mann von Heidi Hofer, verrichtete die Stallarbeit mit Melken und Füttern. Die Milch musste für die Herstellung von Butter entrahmt werden, aus der frischen Milch wurden Joghurt oder Frischkäse hergestellt. Magdalena war Mädchen für alles: Bedienung, Küchenhilfe, Spülkraft. Es passierte auch, dass sie bis 23 Uhr noch backen musste. "Man kennt kein Wochenende mehr", erzählt sie.

Heidi Hofer und Werner Ennemoser wohnen während der Sommermonate mit ihren Kindern auf der "Schneid-Alm". Für den Nachwuchs war Magdalena in der Zeit auch eine Betreuerin. Strom gibt es auf der Alm von einem Wasserkraftwerk, etwa 200 Meter von der Hütte entfernt. Als es Anfang September schneite und das Wasser gefror, musste ein Hilfsaggregat hinzugezogen werden. In den kälteren Monaten musste man genau überlegen, wann man Boiler, Föhn, Kaffeemaschine oder Waschmaschine einschaltet. Das Warmwasser aus dem Boiler wurde zum Geschirrspülen gebraucht, da kam es schon vor, dass man auch einmal kalt duschen oder mit einer Katzenwäsche vorlieb nehmen musste. Für die Gäste wurde auf einem Gasherd gekocht.

Verlangt ein Gast in dieser Jahreszeit einen Cappuccino, muss jemand zum Aggregat laufen, dieses einschalten, damit die Kaffeemaschine Strom bekommt. "Da wird Cappuccino kochen zu einem Erlebnis", lacht Magdalena. Einmal tobte ein heftiges Gewitter, als der Strom ausfiel. Werner vermutete einen verstopften Rechen am Wasserwerk und marschierte zwischen Blitzen und Hagelkörnern über 15 Minuten den Berg hinauf, um ihn zu säubern.

Jeden Tag wurde eine Bestellliste geschrieben und Werner mit ins Tal gegeben. Dessen Vater lud die Waren unten im Tal in einen Lastenaufzug, der nur bei schönem Wetter betrieben werden konnte und zur Personenbeförderung nicht zugelassen ist. Magdalena sammelte viele Erfahrungen. Sie lernte Menschen aus anderen Ländern kennen und bekam auch Besuch aus der Heimat von Familie, Freunden und Verwandten. Rund 60 Bekannte kamen vorbei, darunter auch die Pfadfinder Windischeschenbach. Nach einem zweistündigen Aufstieg hatten sie es zu ihrer Kollegin geschafft.

Zwischen Extremen


Seit 37 Jahren steht die Hütte in 2158 Metern Höhe über dem Dorf und wird nur in den Sommermonaten bewirtschaftet. An stürmischen Tagen war Magdalena froh, dass die Hütte mit Stahlseilen vier Mal im Berg verankert ist. Das Haus ist nicht isoliert, weshalb an kalten Tagen der Kaminofen geschürt wird. Die junge Frau berichtet von Wetterstürzen, bei denen es innerhalb zwei Stunden 20 Zentimeter Neuschnee gab.

Wetterumschwünge überraschten die Wanderer oft böse. Es gab auch Naturschauspiele wie einen Regenbogen, den man nicht wie gewöhnlich über dem Kopf sieht, sondern den man auf der "Schneid" unter einem bewundern kann. Auf der Alm habe sie nichts Materielles vermisst, sagt sie.

Natürlich sei an trüben Tagen auch mal das Heimweh gekommen. Ihren Freund Heiko habe ihr gefehlt. Ein Telefonat nach Hause habe dann meistens Wunder gewirkt. Fazit der junge Frau: "Man lernt das zu schätzen, was man hat." Einen Fernseher brauchte sie gar nicht, da kaum Zeit gewesen wäre, diesen einzuschalten. "Auch lernt man, dass zum Beispiel die Eschawecka Kirwa auch gut stattfinden kann, ohne dass man dabei ist", lacht Magdalena.

Das erste, was sich Magdalena nach der Alm gegönnt hat, war eine Gelbwurstsemmel. Sie erinnert sich: "Auf der Alm haben sie hauptsächlich Südtiroler Speck." Sie isst zum Frühstück gerne Wurst, die letzten Monate gab es aber nur Süßes. "Aber man gewöhnt sich daran." Auf der Alm brauchte sie kein Geld. "Daheim habe ich erst mal gemerkt, wie teuer das Leben jetzt wieder ist."

Die Zeit danachUnd jetzt? "Ich bereue keine Sekunde", sagt Magdalene fest. Sie habe viel gelernt, unter anderem auch, den besten Kaiserschmarrn zu backen. Der nächste Besuch ist bereits geplant: Zum Almfest im Sommer will sie zurück auf die "Schneid-Hütte". Bis dahin wird sie noch das Fernweh plagen, "denn dort", so meint sie, "ist die Welt noch in Ordnung". (wrm)
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