Mehr Familie in der Neuhauser Notunterkunft
Privatsphäre hinter Sichtschutzfolien

Jetzt können sie wieder lachen. Die Familie aus der nordirakischen Stadt Karkuk war 29 Tage lang zu Fuß auf der Balkanroute unterwegs. Den dreijährigen Younus (vorne, Dritter von rechts) haben die Erwachsenen abwechselnd getragen.
Vermischtes
Windischeschenbach
11.03.2016
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Die 65-jährige Sherin Karim (links) lebt zusammen mit Tochter Tavga Qadr (Fünfte von links) sowie zwei weiteren Töchtern und Enkelkindern im Teenageralter seit Mitte Februar in der Neuhauser Halle. Mit im Bild sind Hallenleiter Thomas Häffner (Dritter von rechts) und der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, Nader Mehdizadeh (Zweiter von rechts). Bilder: mic (2)

Die Frauen lachen und schütteln energisch den Kopf, als der Dolmetscher die Fragen der Presse übersetzt. "Ja, wir sind Moslems, und nein, wir tragen keine Kopftücher", antworten sie übereinstimmend.

Neuhaus. Auch die 65-jährige Sherin Karim schmunzelt. "Wir sind modern", gibt sie zu verstehen. Zusammen mit ihren drei Töchtern und deren Familien hat sie sich auf den beschwerlichen Weg von Solemani, einer 1,6-Millionen-Einwohner-Stadt im Norden Iraks, nach Deutschland gemacht. Im Gepäck die wichtigsten Dokumente und ein paar Kleidungsstücke. Sie ist froh, die Strapazen der lange Reise überstanden zu haben. "Wir sind jetzt glücklich, hier zu sein", fügt Tochter Tavgar Qadr (43) hinzu.

Privatsphäre hinter Folie


Hier bedeutet die Halle im Gewerbegebiet Neuhaus nahe der A 93. Die Notunterkunft des Landkreises war eigentlich für alleinreisende, männliche Flüchtlinge gedacht. Bis vor zwei Wochen standen die Stockbetten in Reih und Glied im Abstand von eineinhalb Metern. "Das konnten wir nicht so lassen", erzählt Hallenleiter Thomas Häffner. "Um den Familien wenigsten ein bisschen Privatsphäre zu bieten, haben wir die Betten zusammengeschoben und behelfsmäßig mit Sichtschutzfolien abgetrennt." Nächste Woche will er weitere Trennwände aufstellen.

Obwohl die Halle alles andere als wohnlich ist, fühlen sich Sherin und Tavgar wohl. Sie lehnten sogar Häffners Angebot ab, in die Stützelvilla umzusiedeln. "Wir sind in Sicherheit." Das sei das Wichtigste. "Wir hoffen, dass unsere Kinder in Deutschland eine Zukunft haben. Wenn sie glücklich sind, sind wir es auch", wünschen sich die Frauen.

Seit September betreut Häffner Flüchtlinge in Neuhaus. Immer wieder berührt ihn die große Dankbarkeit, die ihm seine Schützlinge entgegenbringen. "Ich habe ganz liebe und nette Menschen kennengelernt", blickt er zurück. "Natürlich gibt es auch Problemfälle, aber man kann nicht alle in einen Topf werfen."

Arabisch und persisch


Yousuf Ali Hamid lebt seit 29. Dezember in der Halle. Der 38-jährige Iraker bemüht sich, aus der beengten Wohnsituation das Beste zu machen. "Wenn Neue ankommen, steht er parat und hilft", freut sich der Hallenleiter. "Dank Hamid können wir im Alltag auf einen Dolmetscher verzichten." Der Iraker spricht nämlich nicht nur arabisch, sondern auch persisch und kann sich so mit dem Securitymitarbeiter Nader Mehdizadeh, einem gebürtigen Iraner, verständigen.

Dreijährigen getragen


Manchmal reichen schon kleine Gesten. Die 33-jährige Heero Ibrahim reckt ihren Daumen hoch. "Jetzt ist alles gut", sagt sie. Zusammen mit zwölf weiteren Familienmitgliedern marschierten sie auf der Balkanroute 29 Tage lang quer durch Europa. Younus, der Jüngste, wird im April drei Jahre alt. "Ihn haben wir abwechselnd getragen", erzählt sie. In ihrer Heimatstadt Karkuk sah Heero keine Zukunft mehr. Krieg, Granaten und Waffen gehörten zum Alltag. Ihr Mann Nader bringt zum Interview ein kleines Heft mit, in dem Fragen des Alltags vom Arabischen ins Deutsche übersetzt werden: "Wann fährt der Zug?", "Ich habe Schmerzen." oder "Tschüß".

Um Deutsch zu lernen, müssen die Flüchtlinge nicht warten, bis ihnen eine dezentrale Unterkunft zugewiesen wird. "Zu uns kommt täglich ein Lehrer von der Volkshochschule", berichtet Häffner. Der Unterricht dauert von 8 bis 12 Uhr. In Gruppen lernen die Asylsuchenden die ersten Grundbegriffe. Der Hallenchef bedauert, dass dieses Angebot nun ausläuft. "Dann sind wir wieder auf Ehrenamtliche angewiesen. Vielleicht gibt es ja noch Freiwillige, die das übernehmen könnten."

Hin und wieder erntet Häffner Unverständnis für seine Arbeit. "Manche fragen mich, wie kannst du das nur machen?", erzählt er. "Doch ich habe noch den gleichen Ehrgeiz wie am Anfang, tagein, tagaus für die Menschen da zu sein." Unterstützung bekommt er von Christian Gleißner und Josef Kres sowie von den Mitarbeitern von Intercept, einer Bayreuther Sicherheitsfirma. "Alle helfen, wo sie nur können." Dazu zählt er auch die Kollegen im Landratsamt um Johanna Meier und Landrat Andreas Meier, "der immer ein offenes Ohr hat".

Seit sich der Hallenalltag von einer reinen Männerwirtschaft zu einem Familienbetrieb gewandelt hat, muss auch Häffner umdenken. "Früher haben Rasierschaum, Shampoo und Duschgel gereicht. Jetzt brauchen wir auch Pampers, Babypuder und Haargummis."

Reis mit Fleisch und Erbsen


Obwohl ein Caterer täglich drei Mahlzeiten liefert, würden die Frauen gerne kochen. "Vielleicht kriegen wir das auch noch hin", gibt sich der Hallenleiter zuversichtlich. Tavgar Qadr und ihre Mutter Sherin Karim wüssten schon, was sie zubereiten würden: "Reis mit Fleisch und Erbsen."

Akutelle ZahlenSeit Jahresbeginn sind von der Halle in Neuhaus 95 Asylsuchende in dezentrale Unterkünfte verlegt worden. Es bleiben zwar etliche im Landkreise, aber die Unterbringung erfolgt deutschlandweit. Aktuelle leben 83 Menschen in der Notunterkunft. 13 davon sind einzelne Männer, der Rest Familien. Im Schnitt bleiben die Leute 6 bis 8 Wochen in der Halle. (mic)
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