Windischeschenbacher Harald Scholz betreibt Hostel in Neuseeland
Mit Harry wird es nicht langweilig

Harald Scholz traf sich mit Barbara Käs und Thomas Gleixner (von links) beim Zoigl in seiner Geburtsstadt Windischeschenbach. Ein paar Monate zuvor hatten sich die drei in Harrys Hostel in Neuseeland gesehen. Bild: ui
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Windischeschenbach
31.08.2016
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Harry Scholz betreibt mit Ehefrau Lynda an der Westküste der Südinsel Neuseelands in einem ehemaligen Kloster das Backpackers Hostel "Noahs Arc". Bild: hfz
   

50 Prozent Rabatt verspricht Harald Scholz allen Besuchern aus Windischeschenbach, die in seinem Backpacker-Hostel übernachten. Doch um schnell mal für ein Wochenende hinzufahren, ist die Anreise viel zu weit.

Windischeschenbach/Greymouth. "Nach der zweiten Klasse beim Lehrer König habe ich die Stadt verlassen", erinnert sich der gebürtige Windischeschenbacher. Mit den Eltern zog er nach Nürnberg. Nach Realschule und Ausbildung zum Stahlbauschlosser kam er für zwei Jahre zurück, arbeitete bei Hofbauer in Altenstadt und engagierte sich bei den Jusos.

In der politischen Landschaft wurden die NPD und andere rechte Gruppierungen stärker. CSU-Übervater Franz-Josef Strauß polarisierte nicht nur die jungen Leute. Scholz gehörte nicht zu seinen Anhängern. "Ich war schon immer etwas links, habe Gitarre und Schlagzeug gespielt und Frank Zappa gehört."

Im Reisebüro


Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gab dem Pendler zwischen Oberpfalz und Franken den Rest. "Vor allem die wenigen aktuellen Informationen waren erschreckend." Scholz hatte keine Lust mehr auf Deutschland. "Ich bin in Nürnberg ins Reisebüro und habe gefragt, was am weitesten weg ist. Wo Neuseeland liegt, wusste ich nicht." Der 24-Jährige wollte weg, wollte auswandern. Die Eltern waren geschockt. Der Vater habe den spontanen Entschluss verstanden, weiß der Sohn des ehemaligen Seefahrers heute.

1000 Mark (etwa 510 Euro) und einen Koffer hatte Scholz dabei. "Das Flugticket hat 3500 Mark (knapp 1790 Euro) gekostet." Gebucht hatte der Oberpfälzer auch den Rückflug. "Sonst hätten mich die Neuseeländer nicht reingelassen." 16 Jahre sollte es dauern, bis Harry das erste Mal wieder zurückreiste. Und dennoch: "Deutschland gefällt mir. Ich möchte es nicht schlecht machen." Aber das Leben in Neuseeland sei relaxter.

Offiziell als Tourist kam der junge Mann nach Nelson, eine 50 000 Einwohner Stadt im Norden der Südinsel. Bei der Suche nach einer Unterkunft stellte er fest, dass sein Schulenglisch für den Slang auf der anderen Seite der Erde nahezu nutzlos war. "Wie wenn ein Preuße in die Oberpfalz kommt", lacht er beim Zoiglbesuch im "Schlosshof"-Garten.

Start beim Apfelpflücken


"Ich war keinen Tag arbeitslos", ist Scholz stolz, auch wenn er in der neuen Heimat alle paar Jahre Aufgaben und Alltag umkrempelte und komplett veränderte Herausforderungen anging. Nach dem Kauf eines Fahrrads startete er mit Zwölf-Stunden-Tagen als Pflücker auf einer Apfelplantage, bis er einen Job als Betriebsschlosser fand.

"Es war ein Schock, dass der Lohn nur ein Drittel von dem in Deutschland war." Jetzt sei es genau umgekehrt. "Auch die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch." 12 bis 14 Stunden am Tag zu arbeiten, sei normal. "Bei euch 8 Stunden zu arbeiten, ist heftiger, als 12 bei uns." Selbst der Mindestlohn auf den zwei Inseln im Pazifik sei höher als in Deutschland.

Als die Firma zusperrte, ging es weiter nach Süden. "Ich hatte zwar eine Steuernummer, aber immer noch keine Aufenthaltserlaubnis." Jeden Mittag lief der heute 54-Jährige im Overall ins Immigrationsbüro. "Eineinhalb Jahre lang, haben sie mir den Schein versagt. Dann kam der Chef raus und hat gesagt, 'wenn einer so hartnäckig ist, dann will er dableiben. Er kriegt den Stempel.'"

Koch und Pilot


Scholz reparierte in einer Schuhfabrik Nähmaschinen, holte das Abi nach, studierte mit etwa 35 Jahren Sozialwissenschaften, lernte an der Uni Ehefrau Lynda kennen, betätigte sich als Koch, machte die Pilotenlizenz, kaufte eine Farm mit 50 Hektar, zog Rinder groß, engagierte sich als Wirtschaftsingenieur. "Die Deutschen wissen viel über wenig, die Neuseeländer wenig über sehr viel, können sich dafür aber in jeder Situation helfen", beschreibt er den Unterschied in der Arbeitswelt. "Du musst flexibel sein."

Am Traualtar versprach Harry seiner Lynda, dass es ihr mit ihm nie langweilig werde. "Das habe ich gehalten." Nach vier Jahre fing er meist etwas komplett Neues an. "Ich langweile mich schnell. Wenn ich etwas kann, dann nervt mich das. Leben heißt für mich erleben." Als Kind hat er vom Vater immer wieder die Leier "ach hätt' ich doch", gehört. "Das möchte ich nicht sagen müssen."

Vor dem Kauf des Hostels lebte Scholz junior mit Frau und drei Patchworkkindern direkt am Strand in einem 280-Quadratmeter-Haus. Direkt gegenüber wohnte ein Mann, der frisch in Rente war. "Sein Höhepunkt war jeden Tag die Zeitung und die Post zu holen." Den ganzen Tag sei er mit der Kaffeetasse draußen gestanden.


Kloster gekauft


"Wir müssen noch ein Ding machen", sagte Harry zu Lynda: Mit dem Motorrad fuhr er hinunter nach Greymouth, schaute sich das Backpackers-Hostel an und kaufte das über 100 Jahre alte ehemalige Kloster. "Für Neuseeland ist das sehr alt."

Zwei Gäste aus Windischeschenbach, zwei aus Cham und einen aus Amberger hat er in seiner "Noahs Ark" bereits beherbergt. Im Frühjahr kamen Barbara Käs und Thomas Gleixner auf ihrer Neuseelandtour vorbei "Dort war es sehr schön. Alles picobello. Wir hatten schon andere Unterkünfte, die waren arg versifft", erinnert sich Käs am anderen Ende der Welt beim Zoigl mit Scholz, der bei einem seiner seltenen Heimaturlaube für einen Abend in der Oberpfalz vorbeischaut.

Früher buchten im Hostel vor allem junge Leute eine Unterkunft. Jetzt sind es eher ältere. "Wir hatten eine Schweizerin, die ist als 75-Jährige mit dem Frachtschiff gekommen." Für eine Nacht hatte sie geplant. Sie blieb noch eine und noch eine und ist dann nach zwei Wochen abgereist. "Es war so schön. Sie saß da und hat Briefe geschrieben", erinnert sich Harry. 20 000 Einwohner hat die größte Stadt an der Westküste von Neuseelands Südinsel. Vom Äquator ist Greymouth ähnlich weit weg wie Rom - allerdings in Richtung Süden.

Harald möchte die Arche noch drei Jahre in Eigenregie führen und dann verpachten. Er will sich in Kenia oder anderswo sozial engagieren und beispielsweise Wasserleitungen bauen. "Wenn man Glück im Leben hat, hat man die Option, etwas zu teilen. Wenn man das nicht macht, hat man nichts."

Als Kind bekam Scholz die katholische Taufe mit auf den Lebensweg. "Meine Frau glaubt, dass ich vom Herzen Buddhist bin. Aber ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken." Anders war es mit dem Heimweh. Das war drei, vier Jahre lang ganz stark. "Besonders als die Oma gestorben ist." Mittlerweile ist der Auswanderer selbst Opa des vierjährigen Lucca.

Lange Anreise


Beim letzten Deutschlandbesuch dauerte die Reise von Haustür zu Haustür 56 Stunden. Zurück über München, Dubai, Bangkok und Sidney nach Christchurch und dann mit dem Bus quer durchs Land zur Westküste Neuseelands sind es mindestens 10 Stunden weniger. Es geht auch in etwas mehr als einem Tag, doch dann steigt der Preis um weit mehr als den 50-prozentigen Nachlass, den Harald Gästen aus seiner Heimat für eine Übernachtung gewährt. Im Durchschnitt kostet die Nacht bei ihm regulär rund 60 Euro pro Person.

Leben heißt für mich erleben.Harald Scholz


Ich bin in Nürnberg ins Reisebüro und habe gefragt, was am weitesten weg ist.Harald Scholz


Wenn man Glück im Leben hat, hat man die Option, etwas zu teilen. Wenn man das nicht macht, hat man nichts.Harald Scholz


Harald Scholz vergleicht: Deutschland - Neuseeland"Ich könnte in Deutschland nie mehr leben, aber vom Herzen und von der Seele werde ich nie ein Kiwi (so nennen sich die Neuseeländer) sein", sagte Harald Scholz, als er sich beim Zoigl in Windischeschenbach über Unterschiede zwischen alter und neuer Heimat unterhielt.

Glück: Scholz hat in Neuseeland alle paar Jahre völlig neue Herausforderungen und Jobs angenommen. Aus Deutschland höre er dazu häufig die Frage "Ist da etwas verdient damit." Für ihn selbst sei es dagegen weit wichtiger, ob er damit glücklich sei.

Zufriedenheit: Mit Tochter Jessie besuchte Harald Scholz vor einigen Jahren auch den Zoigl. "Sie hat gar nicht verstanden, warum die Deutschen so viel jammern, wo doch in der Hauptstraße von Windischeschenbach so viele Mercedes, BMWs und Audis herumstanden."

"Deutschlands Sozialsystem ist in der Welt unvergleichlich. Für die pazifische Region ist das neuseeländische wahrscheinlich das beste."

Ausländer: "Ich bin in Neuseeland mit offenen Armen aufgenommen worden. Das ist grundverschieden zu dem, wie manche Gruppen in Deutschland mit Ausländern umgehen."

Zuverlässigkeit: "Als Deutschland bei der WM gegen Brasilien 7:1 gespielt hat, habe ich meine Mutter angerufen und wollte wissen, was los ist. Es war das erste Mal in 30 Jahren, dass ich zu spät in die Arbeit gekommen bin."

Pünklichkeit und Sport: "Ich spiele gerne Golf und hatte schon ein einstelliges Handycap. Der Neuseeländische Nationalsport würde mir in Deutschland total abgehen. Was mich hier besonders nervt, ist die fehlende Gelassenheit. Da organisiert jemand ein Golfspiel und Abschlag ist um 12.27 Uhr."

Freizeit: "Golfen, Angeln, Kajak- und Motorradfahren ist toll in Greymouth. Kulturell ist tote Hose. In Auckland oder Wellington ist es besser. Aber dann könnte ich gleich in Deutschland leben."

Essen: "Seit ich jetzt zu Besuch bin, habe ich schon fünf oder sechsmal Schäuferle gegessen. Fleisch und Wein aus Neuseeland sind in Deutschland billiger als bei uns."

Große Politik: "In Neuseeland kam es gut an, als Merkel zu den Flüchtlingen sagte, 'Kommt erst mal rein'. Sie war die einzige Politikerin, die erst einmal das Herz geöffnet hat. Etwas später hörte ich die Wahlergebnisse der AfD und dachte nur noch 'oh shit'".

Politik: "Politische Motivation gibt es in Neuseeland so gut wie gar nicht. Die Jugend weiß wenig über Politik und die Wahlbeteiligung liegt bei 60 Prozent. Bei schlechtem Wetter kommen noch weniger." (ui)
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