Friedensarbeit auf der Bühne

Sissy Thammer versteht sich auf interkulturelle Zusammenarbeit - und dazu gehören auch gemeinsame Mahlzeiten wie dieses Picknick. Das hat ihr schon mal den Spitznamen "General Mum" eingebracht. Bild: hfz
Lokales
Winklarn
31.12.2014
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Sie hat Jura studiert, Bücher verkauft und Brände gelöscht. Seit fast 30 Jahren knackt Sissy Thammer interkulturelle Codes und bringt den Nachwuchs verfeindeter Nationen zum gemeinsamen Musizieren auf die Bühne - mit viel Leidenschaft und einem ganz besonderen Talent.

"Ah, Fürstin Gloria hat den bayerischen Verdienstorden bekommen", bemerkt Sissy Thammer, als ihr Blick beim Interview in der alten Heimat auf die Titelseite der Zeitung fällt, "den hab ich auch schon". Ihre Preise kann die Intendantin des Festivals junger Künstler Bayreuth längst nicht mehr an einer Hand abzählen. Jüngste Trophäe ist der "Kulturpreis der Bayerischen Landesstiftung", der ihr heuer im November verliehen wurde. "Sie haben dieses Festival mit Leidenschaft, Talent und Schaffenskraft zu dem gemacht, was es heute ist und damit einen hoch angesehenen Beitrag zur Kultur geleistet", begründete Finanzminister Markus Söder die Entscheidung.

Wer die temperamentvolle 60-Jährige trifft, kann erahnen, wie viel Energie in die Projekte mit und für junge Menschen aller Länder geflossen ist. Allein 100 Veranstaltungen gab es heuer mit 380 Teilnehmern aus 34 Nationen. 5 feste Kräfte planen dafür das ganze Jahr über, 95 sind es während der Saison. Der Job als Intendantin gleicht dem eines Generaldirektors, der gleichzeitig für Kunst, Pädagogik und Etat-Verwaltung zuständig ist. Das Festival wird zu einem Drittel aus öffentlichen Mitteln gefördert, zwei Drittel muss es selbst erwirtschaften. "Das ist mörderisch und äußerst anstrengend", gesteht Sissy Thammer und wirkt dabei kein bisschen müde oder unglücklich, weil fürs eigene Musizieren mit der Querflöte keine Zeit mehr bleibt.

Leidenschaft angeboren

"Management ist meine Leidenschaft", erklärt die Intendantin, "damit muss man geboren werden". Da spielt es dann auch keine Rolle, ob sie in der Jugend als Oberlöschmeisterin bei der Winklarner Feuerwehr oder als Buchhändlerin agiert, mit hauswirtschaftlicher Ausbildung für eine ganze Schar hochrangiger Gäste aus der Politik Oberpfälzer Kartoffelsuppe kocht oder mit dem Wissen aus dem Jura-Studium ein Konzert veranstaltet. "Bildung war bei uns daheim großgeschrieben", erklärt die Tochter eines Winklarner Landwirts und Brauereibesitzers, die ihr Faible für Musik von der Mutter hat.

Jetzt unterrichtet sie selbst an verschiedenen Hochschulen Kulturmanagement. Ein Fach, das in ihrer Jugend noch gar nicht existiert hat, und das laut Thammer ohnehin mit lebenslangem Lernen verbunden ist. Sie selbst baut dabei nicht nur auf eigene Erfahrungen, sondern auch auf eine Portion Bücherwissen. "Es reicht nicht aus, einen Palästinenser und einen Israeli an einen Tisch zu setzen, da muss man schon einen kompetenten, behutsamen Dialog pflegen", weiß die Expertin, die sich im Umgang mit traumatisierten Menschen psychologisch schulen ließ.

Außerdem kennt sie die Codes vieler Länder, die weit über Sprache hinausgehen. Sie weiß, dass Chinesen einen Chef nur dann gut finden, wenn er streng hierarchisch vorgeht, dass ständiger Augenkontakt mancherorts als extrem unangenehm erfahren wird und dass Zeit nicht überall in der Welt gleich empfunden wird. "Es geht darum, Fremdes nicht zu beurteilen, sondern auszuhalten. Das ist ein Grundgeheimnis", verrät die 60-Jährige. Sie setzt lieber auf kleine Gesten, denn "Kulturschock macht krank". Wird eine warme Mahlzeit vermisst, kauft sie kurzerhand einen Reistopf. Muslime bekommen bayerische Bierkultur im Masskrug mit alkoholfreiem Gerstensaft vermittelt, "und Dirndl kommt immer gut an".

"Die Welt braucht Mütterlichkeit", sagt Sissy Thammer, "ich hab' den Mut dazu". Allerdings spricht sie auch mehrere Sprachen, notfalls setzt sie Körpersprache ein: "Offene Hände versteht jeder." Klar, dass bei so viel Engagement das Lob über einen Landeskulturpreis oder die Ehrendoktorwürde einer rumänischen Musikhochschule gut tut.

Scheitern kein Problem

Zu den schönsten Momenten im Leben der Intendantin gehört allerdings das Wiedersehen mit Festival-Teilnehmern, die dieses Sprungbrett ganz weit nach oben katapultiert hat. Das muss keineswegs im ersten Anlauf klappen, meint Sissy Thammer mit Blick auf die eigene Schulzeit, wo auch nicht alles glatt ging. "Ich will den jungen Menschen zeigen, dass man es schaffen kann - auch wenn man mal scheitert", sagt sie und fügt hinzu: "Das Glück kommt zu denen, die es sich nehmen."
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