Zu Besuch in der Werkstatt von Holzbildhauer Alfred Tragl
Die "Königin" vor der Haustür

Dieses Paar bewacht die Erlengasse 4 in Muschenried. Gegenüber steht die schon etwas verwitterte "Königin". Bilder: Portner
Vermischtes
Winklarn
18.12.2015
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"Mal schauen, was draus wird!" Alfred Tragl (67) freut sich über die neu eingetroffenen Kirschbaum-Bohlen mit interessanter Maserung. Um das Holzlager abzuarbeiten, müsste er 120 Jahre alt werden.

Drehen bis die Späne fliegen. "Es ist eine Sucht", sagt Alfred Tragl (67). Über und über mit Holzstaub bedeckt steht er in der Werkstatt und drechselt Schalen aus Birnbaumholz. Sein Auge für Formen und Ästhetik setzt er meist aber für ganz andere Projekte ein.

Winklarn/Muschenried. Klüpfl, Holzeisen, Balleisen, Geisfuß oder Flacheisen. Das sind die Werkzeuge von Holzbildhauer Alfred Tragl - säuberlich aufgereiht in der Werkstatt. Vor neun Jahren zog er zusammen mit Gattin Ingeborg von Oberviechtach nach Muschenried. Hier fand er auch ideale Bedingungen fürs Holzlager und einen Ausstellungsraum.

"Holz schnauft!"


In der Adventszeit sind es vor allem Holzschalen und Krippenfiguren, die er drechselt oder schnitzt und dann auf den Märkten der Region anbietet. "Man muss ja auch von was leben", sagt der gebürtige Breitenrieder. Nach dem Abitur hat er kurz ins Lehramt-Studium hineingeschnuppert, sich aber dann für den Beruf "Holzbildhauer" mit dreijähriger Lehrzeit in Bischofsheim/Rhön entschieden. Seit der Gesellenprüfung ist er selbstständig - und hat seine Entscheidung bis heute nicht bereut: "Holz schnauft. Es knistert und reißt und ist etwas Lebendiges!"

Vor allem Auftragsarbeiten für Kirchen füllen ganze Fotoalben. Früher hat er auch schon mal Balkone und Holzdecken gefertigt, doch jetzt macht er das, was ihm Spaß macht - Kunst. "Und siehe da, man kann es auch verkaufen", freut er sich und steuert zielgerichtet auf das Holzlager zwischen Wohnhaus und Werkstatt zu. Hier liegt und steht geschnittenes Holz von Obstbäumen, von Nußbaum und Eiche. "Aus dem was der Schreiner wegwirft, bringt man die schönsten Kunstwerke raus", sagt Alfred Tragl. Er betrachtet eine Kirschbaum-Bohle mit intensiver Maserung und streicht nachdenklich über das Brett: "Ich weiß vorher oft gar nicht, was rauskommt!" Derzeit sind es häufig Masken und markante Köpfe, die naturbelassen oder bunt bemalt (selbst gemischte Pulverpigmente) an die Schlichtheit der Kunst primitiver Völker erinnern. Dafür verlässt er gerne eingefahrene Bahnen. Im Wintergarten steht eine spiralförmige Holzskulptur aus Kastanienholz, am Carport lehnt ein Maskenbaum und vor der Haustüre fällt eine wohlproportionierte Statue, die "Königin" ins Auge. "In der Walpurgisnacht hat ihr jemand einen BH verpasst", erzählt Tragl und lacht.

Kurse in Schulen


Die Nachbarn versorgen ihn laufend mit interessant gewachsenen Stämmen und Wurzelstöcken und holen im Gegenzug die Hobelspäne fürs Anheizen ab. Um das ganze Holz zu verarbeiten, müsste er 120 Jahre alt werden, stellt der Künstler fest.

Etwa zwei Wochen lang stand Tragl an der Drechselbank. Doch jetzt ist wieder Schluss mit dem feinen Holzstaub und den Adventsmärkten. Gerne hält er Kurse in Schulen und zeigt den Jugendlichen im Werken-Unterricht, wie man eine Holzmaske anfertigt. "Talent und Kreativität hat jeder. Man muss es nur herauslocken," bekräftigt der "Hobby-Lehrer". Die Pädagogik hat ihn nicht losgelassen!

Heilige tragen seine GesichterIn vielen Privathäusern, Kirchen oder öffentlichen Gebäuden (wie im Foyer des Rathauses der Eisenbarth-Stadt) sind Kunstwerke von Alfred Tragl vertreten. Etliche Heilige in den Dorfkirchen tragen die Gesichter, die ihnen der Holzbildhauer verpasste. Dies zeichnet auch die große Weihnachtskrippe in der Pfarrkirche St. Johannes in Oberviechtach aus, die Tragl jedes Jahr aufs Neue ehrenamtlich aufbaut. Hier findet sich so mancher alteingesessene Bürger als Hirte wieder. Alle Krippenfiguren, welche die Werkstatt verlassen, sind handgeschnitzt - und zwar richtig! Das typische Schnitzholz ist die Linde: "Die ist weich und lässt sich in allen Richtungen gleich gut bearbeiten", erzählt er.

Liebliche, abgeschleckte Gesichter sind allerdings nicht das seine. Viele seiner Werke sind mit der religiösen Tradition des Oberpfälzer Raums verbunden. Seine Handschrift tragen beispielsweise in der Stadtpfarrkirche Oberviechtach etliche Heiligenfiguren, Kanzel und der "Johannes" in der Taufkapelle sowie der Volksaltar in der Johannisbergkirche und der Pfarrkirche Pullenried. Der Künstler beherrscht die Restauration und widmet sich auch der Anfertigung von Grabkreuzen aus Holz.

In der Vorweihnachtszeit verbrachte Tragl viel Zeit in der Werkstatt. Neben einer Madonna schnitzte er etliche Schafe und arbeitete Aufträge von der Kunstausstellung "Fünf Freunde" ab.
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