19.09.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Corinna Fuhrmann begeistert als Lucy van Kuhl Fliegen durch den Alltag

Ihr Künstlername ist Lucy van Kuhl. Und sie ist so cool, dass Eiswürfel vor Neid zu schmelzen beginnen. Corinna Fuhrmann hat nicht nur einfach Talent. Sie ist versiert auf ihrem Gebiet, dem Klavierspiel, und überzeugt durch authentisches Auftreten.

Corinna Fuhrmann alias Lucy van Kuhl begeisterte das Publikum in der Stadtbibliothek mit ihrer charakterstarken Bühnenpräsenz. Bild: dwi
von Dagmar WilliamsonProfil

Amberg. (dwi) Wer auf dummes Geschwätz und die üblichen Schenkelklopfer wartete, war bei "Fliegen mit Dir", dem Liedermacher-Kabarett von Corinna Fuhrmann, in der Stadtbibliothek am falschen Ort. In dieser Zeit wissen Kabarettisten und Liedermacher scheinbar nicht mehr, worüber sie als erstes frotzeln sollen. Ob Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft - es gibt genügend Raum für Spott und Hohn. Um so erfrischender ist es, jemanden auf der Bühne zu sehen, der trotz eines Magisters in Literaturwissenschaft, eines Klavierdiploms, eines Stipendiums für Songtexter und des Hans-Bradtke-Förderpreises bodenständig geblieben ist.

Mit dem Alias Lucy van Kuhl tritt die 36-Jährige seit drei Jahren auf. Ihr zweistündiges Programm ist großes Kino auf der kleinen Bühne, in dem sie exzellentes Klavierspiel mit kabarettistischem Gesang verbindet. Die selbst geschriebenen Texte und komponierten Lieder sind intellektuell-poetisch mit einem zwischenzeitlichen Wechsel zum Jugend-Jargon. Dabei ist "Fliegen" immer wieder Thema - mal wortwörtlich, mal symbolisch. Äußerst clever mit einem Hang zur Dramaturgie, leitet sie jedes musikalische Stück mit einer Anekdote aus ihrem Alltag ein. Mit Leichtigkeit und durch stetigen Blickkontakt gelingt es der Pianistin, eine Bindung zu den Besuchern aufzubauen. Es ist, als ob man seine Freundin nach Monaten wiedersieht und Nachholbedarf hat.

Vom Orangen-Limetten-Zedern-Aufguss in der Sauna bis hin zum keimfreien Verlassen einer Bahn-Toilette - jede noch so unbedeutende Geschichte ist nachzuempfinden. Sarkastisch parliert Lucy van Kuhl über gesundes Essen auf Reisen. Dennoch bevorzuge sie ihr Zuhause, den Prenzlauer Berg, wo alles bio, alles vegan is(s)t. Das "frei von" sei das neue "mit". Mit einer Selbstverständlichkeit präludiert Fuhrmann so nebenbei Beethovens Pathétique und erklärt, wie lange der Durchschnittsschüler braucht, nur um die Einleitung zu beherrschen. Während das männliche Geschlecht zu Star Wars und Harry Potter am Klavier tendiere, schreien die Mädchen "Amelie!", um sich mit dem Stück von Yann Tiersen den pubertierenden Weltschmerz von der Seele zu spielen.

Aber auch Melancholisches steckt in Fuhrmanns Repertoire: "Schulfreund" erinnert an "Du entschuldige, i kenn di" von Peter Cornelius aus weiblicher Sicht, und die Sehnsucht von "Herr Schmidt" erzählt von Fernweh mit einem kleinen Geldbeutel. Die unterschiedlichen Grundbedürfnisse der Wohlstandsgesellschaft sind Themen, mit denen sich die Liedermacherin beschäftigt. Fuhrmann reimt nicht Herz auf Schmerz. Nein, sie plädiert mit erhobener Faust für die Rettung des Lesezeichens.

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