22.02.2018 - 17:38 Uhr

Ayad Akhtars preisgekröntes Schauspiel "Geächtet" forderte die volle Aufmerksamkeit des ... Emotionales Wirrwarr

Alltäglicher Rassismus, widerliche Pegida-Aufmärschen und brennenden Flüchtlingsunterkünften - diese Thematik ist auch in den Hirnen der gebildeten New Yorker Upper Class fest verankert. Die zeigt recht eindrucksvoll das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Schauspiel "Geächtet", das am Amberger Stadttheater aufgeführt wird.

Noch sind sie beste Freunde. Aber nur eine Theaterviertelstunde später bekämpfen sie sich bis aufs Messer. Bild: Hartl
von Johann FrischholzProfil

Die etwas konstruiert wirkende Konstellation von verschiedenen Charakteren aus der Riege der "Happy Few" lässt den Autor trefflich über die kleinen Vorurteile fabulieren, denen auch Menschen unterliegen, die sich selbst für einen Ausbund an Toleranz halten. In der Inszenierung des "Alten Schauspielhauses Stuttgart" sind Amir, der karrieresüchtige Anwalt mit islamischen Wurzeln, und seine erfolgreiche afroamerikanische Kollegin Jory, in der Vielschichtigkeit ihrer Persönlichkeiten dargestellt von Patrick Khalami und Jillian Anthony. Natalie O'Hara als Amirs Gattin Emily, ihres Zeichens Künstlerin mit einem Hang zur islamischen Kunst und zu Isaac, ihrem jüdischen Galeristen den Markus Angenworth verkörperte.

Amirs Neffe, ausgezeichnet dargestellt von Mark Harvey Mühlemann, ergänzt das Quartett, dass in seinen eigenen Vorurteilen gefangen ist und verzweifelt versucht, politisch korrekt zu handeln - bis zur Selbstverleugnung. Aber die Masken, die die handelnden Personen vor sich selbst schützen, sind nur hauchdünn. Es braucht nur ein paar kleine Kratzer, um ihr wirkliches Gesicht offenzulegen. Regisseurin Karin Boyd lässt den Akteuren Raum, um die einzelnen Ebenen, auf denen sie sich in Kampfhähne verwandeln, zu beleben. Denn es geht hier nicht nur um jüdische, christliche oder islamische Herkunft, sondern auch um das Handeln der Personen.

Die beruflichen Konflikte zwischen den beiden Anwälten - im Laufe der Geschichte erfährt der Zuschauer, dass die schwarze Jory dem Moslem Amir bei einer Beförderung vorgezogen wurde - eskalieren ebenso wie die Beziehung zwischen der weißen Künstlerin mit Hang zum Orientalischen, die mit ihren Mann mit ihrem Galeristen betrogen hat.

Es ist schon eine Leistung für die Darsteller, in diesem emotionalen Wirrwarr den Überblick zu behalten und sich den jeweiligen Stimmungen "ihrer" Person völlig hinzugeben. Aber auch für die Zuschauer im Parkett und auf den Rängen ist es nicht immer einfach, den Verwicklungen persönlicher, gesellschaftlicher, religiöser und beruflicher Natur zu folgen. Aber gerade durch diese Komplikationen schafftder Autor die Möglichkeiten, ein möglichst breites Spektrum von menschlichen, allzumenschlichen Verhaltensweisen und Gefühlen zu zeigen.

Die gegenseitigen Angriffe der Protagonisten schaukeln sich von kleinen Sticheleien hoch bis zur brutalen Gewalt. Auch der Finale Krieg der Egos, ein Streitgewitter par excellence, ein eruptiver Ausbruch menschlicher Unzulänglichkeiten, ein Gewitter von echten und falschen Gefühlsregungen bringt für das Freundesquartett nicht die erwartete Katharsis ihrer Beziehungsprobleme. Am Ende steht jeder für sich - mit seiner Religion, mit seinem Job, und nun ohne Beziehung - alleine da.

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