09.02.2018 - 13:46 Uhr

"Bella Figura" im Amberger Stadttheater Autos, Alkohol und Sex

Es waren gleich mehrere berühmte Namen, die das Amberger Publikum in Scharen ins Theater lockten: einmal Yasmina Reza, die ein neues Stück namens "Bella Figura" verfasst hat. Zum anderen das Eurostudio- Landgraf-Ensemble mit Heio von Stetten, Julia Hansen und Doris Kunstmann, das damit an der Vils gastierte.

von Autor MSCProfil

Mit Stücken wie "Kunst" und "Der Gott des Gemetzels" hat sich Reza einen Namen gemacht! In beiden Dramen kombiniert die Autorin Unterhaltung mit sensibler Menschenbeobachtung. Scheinbar zivilisierte Männer und Frauen aus sogenannten besseren Kreisen fallen aus nichtigen Gründen übereinander her. Die Dialoge sind spritzig und gescheit. Die Erwartungen an "Bella Figura" sind recht hoch. Die Uraufführung an der Schaubühne in Berlin 2015 kam allerdings nicht so gut an, weder beim Publikum noch bei der Kritik. Da war man auf die Tournee-Inszenierung von Thomas Goritzki schon neugierig.

In der Summe macht er das beste aus der Vorlage: Der Vorhang ist offen. Ausstatter Stephan Mannteuffel stellt mitten auf die Bühne eine plakative Schauwand mit einer Parkplatzlandschaft. Diese lässt sich drehen und damit die Szenerie verändern. Orte wie Lokal, Terrasse oder Toilette sind so schnell markiert. Das notwendige Mobiliar zum Szenenwechsel liefern die Schauspieler beschwingt zu bekannten französischen Chansons wie "Champs Elysées" oder "La vie en rose". Der Einfall ist prima.

Nur eines im Sinn

Rechts parkt ein flotter, roter Flitzer. Davor ein gepflegter Herr im modischen, grauen Businessanzug: Boris (Heio von Stetten), verheiratet, zwei Kinder, Geschäftsmann aus der Mittelschicht, der mit seiner Firma vor der Pleite steht. Er will mit Andrea (Julia Hansen), Apothekenhelferin, alleinerziehende Mutter und seit mehr als vier Jahren seine Geliebte, in einem guten Lokal essen gehen. Aber eigentlich hat Boris nur eines im Sinn. Das heißt, sie will einen schönen Abend, er will eher eine wilde Nacht. Was gründlich schiefgeht. Unter großem Getöse und dichten Rauchwolken starten sie das Auto - und übersehen beim Ausparken eine alte Dame namens Yvonne (Doris Kunstmann). Sie liegt am Boden und jammert "Jemand hat mich umgefahren!" Zum Glück ist nichts passiert und weil Yvonne Geburtstag hat, lädt sie das Paar ein, mit ihrem Sohn Eric (Christopher Krieg) und ihrer zukünftigen Schwiegertochter Francoise(Susanne Steidle) zu feiern. Das Pikante daran? Francoise ist die beste Freundin von Boris Frau ...

Alle Rollen sind bestens besetzt: Julia Hansen spielt das tablettenabhängige Nervenbündel Andrea, eine nicht mehr ganz junge aber attraktive Mittvierzigerin sehr emotional und überzeugend. Ihre unkomplizierte Art gefällt Yvonne, die von Doris Kunstmann gut gezeichnet wird. Großes Drama ist immer da, wo die Kunstmann auftritt. Auch diesmal wird sie, das "Ex-Pinup-Girl im barocken Stil", das "von einem falschen Einbeinigen ausgeraubt wurde", zum Mittelpunkt.

Mit herrisch lauter Stimme, störrischem Verhalten und der Verletzlichkeit des Alter(n)s zeigt sie eine breite Palette ihrer Spielkunst. "Es geht für jeden bergab", sagt sie und grinst boshaft ihre Schwiegertochter in spe an. "Auch für dich, Françoise!" Susanne Steidle übernimmt diese Rolle der humorlosen, stets auf Contenance bedachten Mittelklassefrau. Sie hat ihre Gefühle und ihren farblosen Partner Eric, trefflich gespielt von Christopher Krieg, meist im Griff.

Kein Haupttreffer

Eine Maske des Biedermanns trägt auch Heio von Stetten als Boris Amette. Er schlüpft gekonnt in die Rolle des aalglatten Geschäftsmanns, des selbstverliebten Narziss, der die Geliebte als Zubehör behandelt, das ganz nach seinen Vorstellungen zu funktionieren hat. Wann, wo und wie er sich das wünscht! Auf jeden Fall hat er in der Toilettenszene mutig die Hosen runtergelassen und dem Publikum die nackten Tatsachen nicht vorenthalten. Nicht alle Besucher waren von dieser Quicki-Szene begeistert, wie Gespräche in der Pause ergeben. Tabak, Tabletten, Alkohol und Sex haben das zäh dahinfließende Spiel nur zum Teil befeuert. Wenn der Theaterabend auch nicht unbedingt ein Griff ins Klo war, ein Haupttreffer war's auch nicht!

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.