Bierbrauer aus dem Amberger Land und ihre Passion
Liebeserklärung zum 500. Geburtstag

Das "Line-Up" der verkosteten Biere. Die Reihe hat noch zwei Meter mehr - und ist doch nur eine kleine Auswahl aller Biere aus dem Amberger Land.
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
28.12.2016
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Fünf stolze Brauer und ihre Biere: Maximilian Winkler (Brauerei Winkler), Maria Aschenbach (Jura-Weizen), Martin Sterk (Brauerei Sterk), Sebastian Jakob (Nittenauer Bier), Anna Troglauer und Martin Hoff (Birretta, Craftbier-Laden Regensburg) und Alwin Märkl (Freudenberger Bier)
 
Verkosten braucht Ruhe, einen neutralen Raum und ist eine alle Sinne fordernde Sache.

Bier - unser fünftes Element. Zum Ende des Jubiläumsjahres "500 Jahre Bayerisches Reinheitsgebot" trafen sich fünf Bierbrauer aus dem Amberger Land und ein Craftbierladen-Inhaber zu einem spannenden Verkostungsabend, bei dem sie leidenschaftlich über Bier, edle Handwerkskunst und das bayerische Lebensgefühl redeten. Und über das Reinheitsgebot und den Craftbier-Boom diskutierten.

Die zwei großen Fragen die alle bewegt: Unser Reinheitsgebot - ist es Lust oder Frust? Craftbier-Boom und kein Ende - wohin steuert die Bierbranche? Ein nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier braucht nur vier Dinge: Hopfen, Malz, Wasser und Hefe - diese Zutaten machen ein Jahrtausende altes flüssiges Lebensmittel aus. Und ein wirklich gutes handwerklich gemachtes Bier braucht noch eine fünfte Zutat: Zeit.

Wo die Industriebrauer ein Bier in gerade mal 72 Stunden fertig haben, braucht es in Bayern gut und gerne zwei Monate oder länger. Dass ein Industriebrauer "auf Masse macht", so billig wie möglich die Rohstoffe einkauft und mit so wenig Personal wie möglich wirtschaftet, ist Fakt. "Wir als kleine regionale Brauerei beschäftigen im Verhältnis zum Bierausstoß fast zehnmal soviel Leute wie eine große Brauerei. Damit sind meine Produktionskosten um ein vielfaches höher", sagt Sebastian Jakob (31), Bierbrauer aus Nittenau.

Und trotzdem kann er von seinem Handwerk leben? In den vergangenen Jahrzehnten mussten eben deshalb viele Braustätten schließen. Das große Brauereisterben hielt auch in Bayern Einzug. Doch dieser Trend hat sich seit einigen Jahren umgekehrt. Seit 2003 steigt die Zahl der Braustätten wieder. Im Jahr 2015 deutschlandweit um ganze 29 und damit auf eine Gesamtanzahl von 1388. Die meisten davon - 650 - natürlich in Bayern.

Welle der Erneuerung des Bieres



Eine Welle der Erneuerung des Bieres bewegt seit bald zehn Jahren ganz Europa. Man nennt sie "Craftbier-Bewegung". Ein Grund für diesen Boom: die Konsumenten haben keine Lust mehr auf geschmacklose Industriebiere. Sie wollen die Vielfalt im Glas schmecken. Und wer bietet die? Die kleinen und regionalen Brauereien. "Vor 20 Jahren war Bier fast Ramsch-Ware. Heute steigt die Wertschätzung von Bier", erklärt Jakob.

Die Brauer und das Reinheitsgebot

Seit 500 Jahren sorgt das Reinheitsgebot für Sicherheit beim Bier, das älteste und härteste Lebensmittelgesetz der Welt, erlassen 1516 von Wilhelm IV. , Herzog in Bayern. Aber schon 1489 bestimmte der Fürstbischof für das Hochstift Bamberg, damals wie heute eine Bier-Stadt, mit dem "Bamberger Reinheitsgebot", dass beim "Einsieden nichts mere denn Hopfen, Malz und Wasser zu nehmen sey".
Was bedeutet das Reinheitsgebot den Brauern heute?

"Aus nur vier Zutaten eine unglaubliche Vielfalt an Genußbieren herzustellen mit fast 12 000 Geschmäckern", sagt Martin Sterk (46) aus Raigering. "Für mich ist es moderner denn je und ein Vorbild für die gesamte Lebensmittelindustrie. Trotzdem schätze ich auch tolle traditionelle Bierstile aus aller Welt", betont der Amberger Berufskollege Max Winkler (26).

"Vor dem Jahr 1500 war Biertrinken manchmal tödlich, wegen der Zugabe von Pilzen und Beeren", berichtet Maria Aschenbach (33) von der Naabecker Brauerei, "heute schützt es vor Chemie, beschränkt uns aber auch auf vier Rohstoffe." "Tradition, Verantwortung, Liebe. Es ist mir Gebot, nicht nur Pflicht, so zu arbeiten", betont Alwin Märkl (53) aus Freudenberg. "Dieses Gesetz über Reinheit fordert mich täglich heraus in meiner Arbeit. Wir brauchen daran nichts zu ändern, denn es ist gut," unterstreicht Martin Sterk.

Gefährdet der Craft Bier Boom unser stolzes Reinheitsgebot?

"Wir sind sehr stolz auf unsere tief verwurzelte Brautradition", unterstreicht Märkl. "Doch jede Tradition muss nicht nur gepflegt, sondern auch fortgeführt und verändert werden," ergänzt Aschenbach. "Die Leute beschäftigen sich wieder mit Geschichte und Herkunft und den Rohstoffen für Bier. Was genau konsumiere ich hier? Wer bekommt das Geld? Die Industrie? Oder bleibt es vor Ort in der Wirtschaft? Es ist die Sehnsucht unserer jungen Generation hinter ein Produkt zu schauen." meint Winkler.

"Die Craftbier-Welle hat unsere Branche enorm befruchtet und wiederbelebt. Vor 20 Jahren ging es gewaltig bergab. Meine Eltern hätten wohl den Betrieb schließen müssen. Und ich wär kein Brauer geworden", erklärt Jakob. "Das Billig-Image ist nun verschwunden. Bier hat wieder an Wertigkeit gewonnen. Das haben wir drei Faktoren zu verdanken: dem Craft Bier, dem neuen Bewusstsein für regionales Essen - und dem Jubiläumsjahr!" Die Kundschaft wachse wieder, es geht allen um Biergenuss und das Erleben der Vielfalt.

Was ist Craft Bier?

Martin Hoff (32), Inhaber eines gut sortierten Bier-Spezialitäten-Ladens in Regensburg, setzt sich täglich mit derm Craftbier-Boom auseinander. Was ist eigentlich Craft-Bier? "Die eine Definition gibt es nicht. Aber wichtig für alle sind die hochwertigen Rohstoffe. Regional, handwerklich und ehrlich verarbeitet. Also ohne Gär-Beschleuniger oder Hopfenextrakte. Dazu lange Gär- und Lagerzeiten. Die Geschmacksaromen sind einzigartig, der geschulte Gaumen schmeckt heraus, um welches Bier es sich handelt. "

Kommt uns bekannt vor: das trifft doch wohl für alle bayerischen Biere zu!
Ist also jedes unserer Biere ein Craftbier? Vielleicht. Craft heißt ja handwerklich. Die Bierstadt Amberg mit ihren sechs Braustätten hat die höchste Brauereidichte im Verhältnis zur Einwohnerzahl und wird 2017 sagenhafte 50 Bierstile vorweisen können, weil Winkler drei Sorten draufsattelt.

Ist Amberg also "Craftbier-Town"? Die Traditions-Brauer Märkl, Sterk und Aschenbach, die keine "Craftbier-Linien" vorweisen können, aber auch Winkler und Jakob, würden ihr Helles, Dunkles oder Weizen in diesem Sinne nie als Craftbier bezeichnen. "Und ebenso wenig wie das Reinheitsgebot handelt es sich um ein Gütesiegel! Weder das eine noch das andere garantiert eine gewisse Qualität!" betonen alle Brauer mit Nachdruck.

Liebeserklärungen ans Bier

Im Laufe des Abends erzählen die Brauer, was Bier für sie ganz persönlich bedeutet. Es sind wahre Liebeserklärungen an das fünfte Element: "Was verbinde ich damit? Fulminantes Geschmackserlebnis. Technik, Präzision, Vielfalt. Das wohl reinste Lebensmittel der Welt, ein Stück Kultur und Heimat. Geschmack, Gemütlichkeit, Leidenschaft. Leben, Freunde, Freude, Glück.

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