14.05.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

"Die beste aller Welten" im Stadttheater Amberg "Bein ab, Arm ab – Pech, ist halt so"

Der naive Jüngling Candide glaubt jedes Wort seines Hauslehrers. Doch in der "besten aller Welten" ereignen sich fortlaufend fürchterliche Dinge. Der Theater-Jugendclub Amberg gibt dem Stück "Die beste aller Welten" nach Voltaires satirischem Roman "Candide" seine eigene Note.

von Marielouise ScharfProfil

Candide heißt der Held des Abends. Der Name ist Programm - er bedeutet so viel wie "der Arglose". Auf seinen abenteuerlichen Reisen durch die Welt möchte er seinen Glauben an das Gute im Menschen und an die Lehre von der besten aller möglichen Welten nicht verlieren. Was passiert jedoch? Es ereignen sich fortlaufend schreckliche Dinge, die solche Gedanken schwer erschüttern: Es wird gefoltert, vergewaltigt, verbrannt. Mönche vergehen sich an ihren Schutzbefohlenen. Fürsten führen Krieg aus reiner Gier und opfern hemmungslos ihre Untertanen. Erdbeben verschlingen ganze Städte.

Das Leben ist gemeinhin ein unaufhaltsam fortschreitender Desillusionierungsprozess. Grausamer als der Antiheld in Voltaires Roman, den Regisseur Winfried Steinl mit dem Theater-Jugendclub im Stadttheater Amberg auf die Bühne brachte, kann man dies kaum erfahren. In der satirischen Abrechnung mit philosophischen Thesen und blindem Vertrauen in eine glückliche Zukunft stolpert der junge Tor blauäugig ins Leben hinein im festen Vertrauen auf die Lehren des Schönredners Pangloss.

Spärliches Bühnenbild

Zwar lernt Candide das utopische Eldorado kennen, doch die Sehnsucht nach seiner großen Liebe Kunigunde treibt ihn fort. Er findet sie alt und "hässlich geworden wie die Sünde" in Konstantinopel. Von Schwärmereien geheilt zieht er sich aufs Land zurück mit dem Schlusssatz: "Wir müssen unsern Garten bestellen."

Die Bühne ist sehr spärlich bereitet: Drei Sprungkästen, mehr braucht es nicht. Vielleicht noch eine Leiter, eine Rollgarderobe, ein Globus, je nach Szene, und schon ist die Illusion von Gebirge und Meer, Kasernenhof und Fürstenschloss perfekt. Passende Lichtcollagen und Tonuntermalung liefert Thoralf Kotlenga. Alles ist aufs Beste bestellt, und das Szenenkarussell beginnt, sich zu drehen. 29 Kapitel haben Steinl und sein Team erarbeitet. 17 Aktive stehen in immer wieder anderen Rollen auf der Bühne. Michael Schormüller ist Candide. Den einfältigen Knaben nimmt man ihm sofort ab. Nadine Hoffmann gibt eine perfekte frisch-freche Kunigunde, und Andreas Guckenberger liebt man sofort in seiner Rolle als temperamentvoller, mitreißender Diener Cacambo. Julia Rahm überzeugt als Baronin und Mahammad Ebrahim als Baron. Timo Battaglia überzeugt als Pangloss und Liebhaber. Als kokette Paquette verzaubert Cleopatra Linzer.

Erzähler, Begleiter, Chor, Volk, Soldat, Syphilitiker, Sklave, Aufhänger, Richterin, Kellner, Bodygard, Voltaire, Peitscher - viele Rollen, alle bestens besetzt mit Tia Stoll, Eva Weidenhammer, Anthony Tatis Lebron III, Patrick Wittmann, Janine Ondra, Korbinian Wedel, Friederike Jung, Andreas Plail, Abdul Aziz al Hamoud und Ahmad Hasan.

Der Theatermann Winnie Steinl wurde 2014 mit dem Kulturpreis der Stadt Amberg ausgezeichnet. Und ausgezeichnet sind auch immer wieder seine Inszenierungen, die natürlich deutlich seine Handschrift zeigen und doch mit Überraschungen glänzen. Spannend an seiner Regie sind die Solo-, Chor- und Ensembleszenen an den wechselnden Schauplätzen. So gräbt er diesmal bei Kants Kausalitätsprinzip "Keine Wirkung ohne Ursache", holt die biblische Apfelszene mit Adam und Eva ins Gedächtnis, führt eine drastische "Hinterbacken-OP" aus und findet Inspiration in der "Titanic"-Liebesszene, wenn Candide die Überfahrt in die neue Welt unternimmt. Den gut gebauten Prachtkerl steckt er in Knobelbecher. Er fährt zwei Trommler auf, um Kampfgemetzel und Kriegshorror zu simulieren. Menschen werden zu reißenden Wölfen. "Bein ab, Arm ab – Pech, ist halt so", lässt er seinen Protagonisten sagen, der in Lumpen steckt und auf Krücken humpelt. Ein anderer markiert die "Merkel-Raute", und mit Seifenblasen vor Lichtwand wird noch auf die Leichtigkeit von Schein und Sein verwiesen. Alles ist nett und doch so langweilig im goldenen Eldorado, wo Candide und sein Diener wieder festen Boden unter dem Bühnenhimmel, in dem sie schweben, suchen.

Fröhlichkeit und Frische

Der scharfzüngige Spott des Textes kommt nicht immer beim Publikum an, teils wegen der etwas schlampigen und leisen Sprechweise, teils wegen zwar intelligenter, doch etwas zu überfrachteter Texte. Doch die jugendliche Fröhlichkeit und Frische sind ein fantastisches Schmieröl der Inszenierung. Die Handlung wird forsch gespielt, skizziert, referiert und diskutiert. Im zügigen Durchlauf steigern sich die Akteure in aktionistische Spielszenen. Die nicht ganz leichte, theatralische Auspinselung des pittoresken Stoffes gelingt. Viel Respekt und noch mehr Applaus gab es für diese Steinl-Produktion.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp