EBW präsentiert Kammerspiel am Karfreitag
Ein Mensch namens Judas

Schauspieler Christoph Auer stellt in einem langen Monolog als Judas im Paulaner-Gemeindesaal die herkömmliche Deutung dieser biblischen Figur in Frage.
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
30.03.2018
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Gut gefüllt war an Karfreitag 2018 der Saal im Paulaner-Gemeindehaus in Amberg
Amberg: Paulaner-Gemeindehaus |

Die Figur des biblischen Judas hat seit jeher die Fantasie der Menschen angeregt. In jüngerer Zeit mehren sich die Versuche, Wesen und Motivation des sprichwörtlichen Verräters neu zu erfassen. In einem beeindruckenden Kammerspiel im Saal des Paulaner-Gemeindehauses wagt sich Schauspieler Christoph Auer am Karfreitag an die sperrige Gestalt und haucht ihr ein Leben ein, das berührt. Dabei geht es auch um die Frage, wer für wessen Schuld gestorben ist.

Man hätte im ausverkauften Saal die sprichwörtliche Nadel fallen hören können, so konzentriert folgten die Zuhörer 75 Minuten lang dem Monolog des Judas. Kein Flüstern, kein Räuspern, kein Stuhlrücken störte die fast schon andächtige Atmosphäre, in der Christoph Auer mit ruhiger, fast leiser Stimme ein persönliches Drama entwickelte, das noch immer zu den größten in der Geschichte der christlichen Menschheit gehört.

Der Mann Judas, der sich nach fast 2000 Jahren dem Urteil der Theaterbesucher stellt, ist höchst reflektiert. Fragen nach Ehrlichkeit und Wahrheit, Zweifel und Glauben bringt er zur Sprache und sein Unverständnis darüber, als Inkarnation des Bösen betrachtet zu werden. „Er will seine Tat auf ein menschliches Maß bringen“, hatte Siegfried Kratzer als Vorsitzender des veranstaltenden EBW in den einführenden Worten als Richtung vorgegeben. Kratzer hatte auch darauf hingewiesen, welche großen Geister unserer Zeit sich am Thema Judas bereits versucht haben. Er nannte als Beispiele den israelischen Schriftsteller Amos Oz, den deutschen Intellektuellen Walter Jens, den Ballettchoreografen John Neumeier - sie alle eint der etwas andere Blick auf diese mysteriöse Figur der Antike.

„Ich erzähle eine unbekannte Geschichte“, hebt auch der Judas aus dem Ein-Personen-Stück der 1965 geborenen, niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans an. Verkörpert wird er von dem unterfränkischen Schauspieler Christoph Auer auf eine verletzliche, Verständnis heischende Weise, die ihre Sicht der Heilsgeschichte auf keinen Fall aggressiv oder besserwisserisch anbringen möchte. Judas ist überzeugt, dass der Mensch öfter aus Zweifel handelt als aus Glauben: „Glauben braucht keine Aktion, aber der Zweifel ist Ansporn zu Taten.“ Und so kam es zum Pakt mit den Hohepriestern. Denn Judas zweifelte, ja verzweifelte an seinem Freund und Meister Jesus. „Jeder Schritt in Richtung Jerusalem war für ihn ein Schritt in Richtung Tod“, erinnert sich Judas und spricht von der „Wahnidee Jesu“, die biblische Prophezeiung durch seinen Tod erfüllen zu müssen. „Das hat mich wütend gemacht, ich wollte nicht, dass er stirbt.“

Doch der Verrat läuft aus dem Ruder. Anstatt dass Jesus „die Römer mit seinem Wort niederschmettert“, wird er getötet. Judas ist der verratene Verräter, der nichts ungeschehen machen kann, und darüber zerbricht. Sein Tod durch den Strick fast zeitgleich zum Tod seines Freundes sei die wahre Sühne für die Schuld der Menschen gewesen, ist Judas überzeugt. „Jesus ist nicht für eure Sünden gestorben, aber ich bin es“, versichert er mit Blick auf die „Schuld all jener, die ihn nicht retten wollten oder retten konnten“. „Und ich habe es zugelassen, dass alle Schuld von allen an mir kleben blieb.“

So sei sein Name zum Fluch geworden, sagt Judas bitter. Dabei sei es ein stolzer Name, der nicht verdient habe, dass er in Ländern wie Deutschland per Gesetz als männlicher Vorname verboten sei. „Ich hätte diesen Namen gern wieder. Denn ich bin ein Mann mit einer eigenen Geschichte, der an etwas glaubte – und der zweifelte.“ Judas entließ seine Amberger Zuhörer mit einer provokanten Denkanregung: „Wenn ich die Geschichte zurück drehen könnte und ich hätte meine Zweifel überwunden und wäre bei Jesus geblieben, dann hätte es kein letztes Abendmahl gegeben, keinen Kuss und kein Kreuz. Würden Sie das wollen? Oder würden Sie sagen, einer musste es tun?“
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