04.05.2018 - 17:47 Uhr
Oberpfalz

EBW zeigt Ein-Personen-Stück "All das Schöne" Eine Million Gründe für das Glück

Amberg. „Eiscreme“ ist das erste, was einem Siebenjährigen einfällt, als er sich nach einem Selbstmordversuch seiner Mutter mit dem Gedanken an schöne Dinge wappnen will. Er fertigt schließlich eine Liste an voller angenehmer Dinge und Empfindungen, die im Laufe seines Lebens wächst und wächst. Aber diese Liste schützt ihn nicht vor den Wechselfällen des Schicksals, wie das Ein-Personen-Stück „All das Schöne“ kurzweilig und oft amüsant, aber auch immer wieder beklemmend darstellt.

Zuschauer Karl Kirch (links) assistierte dem Schauspieler Valentin Bartzsch (rechts) in einigen Szenen des Stücks "All das Schöne"
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Wobei der Begriff „Ein-Personen-Stück“ nur cum grano salis stimmt. Denn obwohl der 30-jährige Schauspieler Valentin Bartzsch vom Theater in Ansbach in den 90 Minuten der Aufführung allein auf der kargen Bühne steht, holt er doch immer wieder Zuschauer zu sich hoch, die ihm assistieren. Da ist Mut und Improvisationstalent gefragt, wenn man plötzlich und unvorbereitet aus der Rolle des Zuschauers in die eines Mitspielers schlüpfen muss. Die Frauen und Männer im Saal des Paulaner-Gemeindehauses, die auf diese Weise unfreiwillig in den Mittelpunkt des Geschehens gezogen wurden, schlugen sich aber alle beachtlich, manche sogar mit komödiantischen Talent.

Schon vor Beginn hatte Bartzsch Blätter verteilt, auf denen Nummern und Begriffe standen. Das waren Teile der Liste, die später so eine wichtige Bedeutung bekommen sollte, und die er auf Zuruf abfragte. Derweil lobte EBW-Vorsitzender Siegfried Kratzer, der das Stück schon gesehen hatte, Bartzschs „gewinnende Art“ und dessen „Talent, die Herzen zu erobern“ und ging der grundlegenden Frage nach: „Was macht das Leben lebenswert?“ Leid tat es Kratzer, dass der Andrang an diesem Abend nicht so groß war wie bei den letzten zwei EBW-Veranstaltungen - also dem Stück über Judas und dem Vortrag von Eugen Drewermann.

Der Spiellaune von Valentin Bartzsch tat es keinen Abbruch, dass viele Plätze leer geblieben waren, im Gegenteil. Tatsächlich steigerte sich auf diese Weise die Intimität dieser Lebensbeichte, bei der die Hauptfigur erst mit dem Tod des geliebten Hundes, dann mit zwei fehlgeschlagenen und einem erfolgreichen Suizidversuch der Mutter und schließlich mit großer Liebe und schäbiger Trennung zu tun bekommt. „Es ist, als ob sich eine Falltür unter dir öffnet“: Dieses Gefühl überwältigt den jungen Mann zum ersten Mal als Kind, als er vom Vater ohne Erklärung Richtung Krankenhaus gefahren wird, in das die eigene Mutter nach einem Selbstmordversuch eingeliefert wurde. Wie soll er mit den Schuldgefühlen umgehen und dem nagenden Zweifel, nicht genug dafür getan zu haben, damit die Mutter wieder fröhlich ist? Sein Versuch: Sich und die Mutter an die schönen Dinge des Lebens erinnern und diese auf eine Liste schreiben.

1. Eiscreme, 2. Wasserschlachten, 3. Länger aufbleiben dürfen als sonst und fernsehen ... All das Schöne im und am Leben aufschreiben, um zu leben, weiterzuleben, zu überleben, das ist die Strategie. Zwanzig Jahre später ist die Liste auf eine Million Einträge angewachsen, inklusive „alte Menschen, die Händchen halten“, „Star-Trek Filme mit geraden Nummern“ und „so doll lachen, dass einem die Milch aus der Nase schießt“. Mittlerweile ist das Kind erwachsen geworden. Es hat seine Mutter nicht von ihrer Depression heilen können, es ist oft unglücklich gewesen, es hat verzweifelt geliebt, es ist beglückt und enttäuscht worden vom Leben, und es hat seine Mutter schließlich verloren.

Höchst sensibel und verblüffend komisch setzen sich Autor Duncan Macmillan und Schauspieler Valentin Bartzsch mit dem Leiden Depression auseinander und beleuchten fast beiläufig, dadurch umso eindringlicher, die Folgen dieser Krankheit für die Betroffenen und deren Umfeld. Letztlich ist „All das Schöne“ aber eine Feier des Lebens, ein gemeinsames Nachdenken von Spieler und Publikum über das, was uns und die, die wir lieben, so kostbar macht. Dem EBW und seinem Vorsitzenden ist zu danken, dass dieser beeindruckende Abend in Amberg zustande kam.

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