Eugen Drewermann spricht beim EBW
Auch mit 77 noch ein Mahner

Auf Einladung des Evangelischen Bildungswerks kommt der Publizist Eugen Drewermann regelmäßig nach Amberg. Häufig spricht der Psychotherapeut und Theologe dabei in der Erlöserkirche - so auch bei seinem Vortrag am Donnerstagabend. Bild: Dobler
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
20.04.2018
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EBW-Vorsitzender Siegfried Kratzer sprach die einleitenden Worte

Dass der Name Eugen Drewermann noch immer Zugkraft besitzt, zeigt sich bei seinem Vortrag in der gut gefüllten evangelischen Erlöserkirche. Der 77-Jährige bleibt dabei seiner selbstgewählten Aufgabe als Mahner treu. "Lernt, zu vertrauen", schreibt er nicht nur den Zuhörern, sondern auch der Politik ins Stammbuch. Nur so könne man aus dem Teufelskreis der Angst ausbrechen.

"Von der Angst und ihrer Bewältigung" war der Abend überschrieben, den der Theologe und Psychotherapeut auf Einladung des Evangelischen Bildungswerks am Donnerstag gestaltete. Siegfried Kratzer, der Vorsitzende des Evangelischen Bildungswerks, stellte Eugen Drewermann als jemanden vor, "der wie kein anderer in unserer Zeit das Phänomen Angst als Grundproblem des Menschen analysiert und dabei unermüdlich und fundiert auf Wege verweist, wie wir Angst bewältigen, welche Wege wir gehen können und dürfen, um aus unserer Angst herauszufinden".

Der Paderborner Kirchenkritiker hat sich viele Jahre lang intensiv mit der Weisheit der Märchen beschäftigt, insbesondere mit den Hausmärchen der Gebrüder Grimm. Als Grundlage seiner Ausführungen nutzte Drewermann daher eine kleine Geschichte ("es ist eigentlich kein Märchen"), die die Grimms in ihrer Sammlung überliefert haben. Sie heißt "Die Eule" und die Analysen dazu finden sich in Drewermanns neuem Buch "Wenn mir's nur gruselte! Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet". Drewermann las die Parabel zunächst vor: Eine Eule gerät nachts in die Scheune eines Bürgerhauses und traut sich am Tag nicht mehr heraus - aus Angst vor dem Geschrei der anderen Vögel. Ein Knecht, der über die Eule erschrickt, wird zuerst von seinem Herrn ausgelacht. Aber auch der läuft vor dem Ungeheuer davon und ruft die anderen Bürger zur Hilfe, die mit Spießen und Bauerngerät anrücken. Nachdem drei hineingegangen, aber erschrocken wieder herausgekommen sind, steigt der tapferste Kriegsmann in voller Rüstung mit einer Leiter hinauf. Als auch er trotz Anfeuerung durch die anderen kehrtmachen muss, beschließen die Bürger, die Scheune samt der Eule zu verbrennen. Die Geschichte, die an einen Schildbürger-Streich erinnert, zeige, wie eine Massenpanik entsteht. "Sie ist ein Schaustück über die Art, wie die Menschen mit der Angst umgehen", urteilte Drewermann. Die Eule in der Scheune habe selbst Angst, verbreite aber auch Angst unter den Dörflern, die so ein Tier nicht zu kennen scheinen. "Sie steht für das Unbekannte, das Unvertraute, das Fremde", sagte er. Beide Seiten - Vogel und Menschen - seien verbunden in einem Teufelskreis aus Angst. Am Ende stehe die brutale Auslöschung der vermeintlichen Gefahr.

Dass so ein Verhalten im Kleinen wie im Großen alltäglich sei in der Welt, belegte der Vortragende mit einigen Beispielen. Er verwies dabei auf die deutsche und internationale Politik seit dem Zweiten Weltkrieg, die von westlicher Seite mit dem Strategie-Begriff "Containment", also Eindämmung, bezeichnet werde. Am Beispiel Irak und dessen angeblichen Massenvernichtungswaffen nannte Drewermann diese Geo-Strategie "den vollkommenen Wahn". Seine Schlussfolgerung kam im Gewand einer rhetorischen Frage daher: "Haben unsere Regierenden wirklich Angst oder machen sie nur der Bevölkerung Angst für ihre Politik?" Denn für ihn ist klar: "Wenn das Volk Angst hat, werden die Mächtigen mächtig." Das gelte auch für das Thema Islamismus oder die Trickdiebe, die es angeblich überall gebe. "Immer haben wir Grund, Angst zu haben." Oder, mit Blick zurück auf die vorgelesene Geschichte: "Heute heißt die Eule Putin."

Wie kommt man da heraus? Man müsse immer überlegen, ob es für die Angst machenden Phänomene auch andere Deutungen gebe, meinte Drewermann. "Wir müssen auch die Angst in den Augen des 'Feindes' wahrnehmen, dann bricht der ganze Spuk zusammen", war er sich sicher. Die Aufgabe laute also, die Angst des anderen verstehen - und sie zu beruhigen: "Denkt euch in den anderen hinein, lernt zu vertrauen."
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