Ferdinand von Schirachs Theaterprozess "Terror" in Amberg
Moralisch ein ungeheuerliches Dilemma

Ferdinand von Schirachs Theaterstück "Terror" nimmt die Zuschauer mit in eine Gerichtsverhandlung und macht sie zu Schöffen. Bild: Steinbacher

Darf man Menschen töten, um andere zu retten? Mit dieser schwierigen Frage konfrontiert Ferdinand von Schirach in seinem Schauspiel "Terror" das Publikum. Und nicht nur das: Er zwingt es, selbst darüber zu entscheiden. Wie haben die Amberger "Schöffen" entschieden?

Ferdinand von Schirachs Schauspiel "Terror" am Amberger Stadttheater machte die Zuschauer zu Laienrichtern. Nachdem sie einen knapp zweistündigen Prozess verfolgt hatten, mussten sie entscheiden. Wie das Fernsehpublikum einer im Oktober ausgestrahlten Produktion im "Ersten" war die Mehrheit für Freispruch. Das Stück ist wie eine reale Gerichtsverhandlung aufgebaut, mit Vorsitzendem und Zeugen, Verteidiger und Staatsanwalt, Nebenklägerin und natürlich dem Angeklagten. Ein Ensemble von hervorragenden Schauspielern verlieh dem Text, der über große Strecken im Stil eines Prozessprotokolls gehalten war, Leben. Johannes Brandrup gab einen Vorsitzenden, der die Verhandlung souverän leitete und sich auch nicht durch die persönlichen Spitzen des Verteidigers Biegler, dargestellt von Christopher Schlemmer, von seiner stringenten Prozessführung abbringen ließ.

Ein aufrechter Soldat

Lars Koch, der Angeklagte, dem Christian Meyer ein Gesicht gab, verteidigte seinen Standpunkt eloquent und als aufrechter Soldat, der eine einmal getroffene Entscheidung auch im Nachhinein nicht revidieren wollte. Erst bei der Frage der Staatsanwältin, ob er das zivile Flugzeug, das von Terroristen entführt und in Richtung der voll besetzten Allianz-Arena gesteuert wurde, auch abgeschossen hätte, wenn seine Frau und sein Kind als Passagiere an Bord gewesen wären, knickte er ein.

Annett Kruschke spielte äußerst überzeugend ihre Rolle als Staatsanwältin. Sie ließ ihrer Figur Raum für Emotionen, ließ sie abwägen und auch nicht rein juristische Standpunkte vertreten, sondern auch Fragen der Moral und Ethik aufwerfen. Mit ihrem Schlussplädoyer, leidenschaftlich, aber sachlich gehalten, konnte sie das Amberger Publikum jedoch nicht überzeugen. Nur ein gutes Drittel der Anwesenden war gewillt, den Angeklagten ins Gefängnis zu schicken. Zu ähnlichen Ergebnissen kam der fiktive Prozess auch in anderen Ländern. Nur in der Schweiz und Japan stimmten die zu Schöffen ernannten Zuschauer überwiegend für "schuldig".

Der Auftritt Tina Rottensteiners in der Rolle der Nebenklägerin Franziska Meiser änderte ebenfalls nichts an der mit viel Bauchgefühl getroffenen Entscheidung, obwohl Rottensteiner in ihrer Rolle aufwühlend über das Schicksal als Hinterbliebene berichtete. Nur ein Schuh war ihr geblieben, den sie in einem Haufen von Hinterlassenschaften der abgeschossenen Passagiere fand. Und sie erklärte höchst dramatisch, wie schwierig es gewesen sei, der kleinen Tochter zu erklären, dass der tote Papi bei der Beerdigung nicht im Sarg liege. Auch Christian Lauterbach als Oberstleutnant Peter Donath leistete mit seiner Zeugenaussage, mit der er eine gefühlte Verantwortung von sich schob, keinen wirklich nützlichen Beitrag, um das Verfahren gerecht abzuschließen.

Ein sehr überzeugendes Ensemble stellte hier unter der Regie von Thomas Goritzki einen Prozess nach, den es so hoffentlich nie in Wirklichkeit geben wird. Denn die Entscheidung, ob Leben gegen Leben aufgewogen werden kann, stellt sowohl in juristischer als auch in moralischer Hinsicht ein ungeheuerliches Dilemma dar, über das die Zuschauer auch nach der Vorstellung noch heftig diskutierten.

Lob fürs Programmheft

Etwas, das eigentlich zur Aufführung gehört, aber von vielen nicht beachtet und erworben wird, hat im Falle von "Terror" eine besondere Erwähnung verdient. Das Programmheft ist überaus ansprechend gestaltet und enthält zusätzliche Erläuterungen und interessante Standpunkte. Es ist damit eine hervorragende Grundlage für weitere Gespräche über dieses schwierige Thema.
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