Genau so mochte das Publikum im Rathaus die Soli der Ballroom-Shakers
Teils vogelwild und durchgeknallt

Lucia Kastlunger (am Mikrofon) war kurzfristig für die erkrankte Roberta Collins eingesprungen. Doch das minderte die Qualität der Ballroom-Shakers aus Nürnberg im Rathaus nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Bild: Hartl

Von Johann Frischholz

Amberg. Zu Zeiten, als in Deutschland noch der Nachhall von Militärmärschen zu hören war und die Bundesbürger ihr Fernweh noch mit den sehnsuchtsvollen Caprifischern von Rudi Schuricke bekämpften, machten sich auf der anderen Seite des Großen Teichs junge Musikanten auf, eine völlig neue Art, nämlich die erste wirkliche Jugendmusik, die diesen Namen verdient, zu erfinden.

Die Quellen für diesen zuvor noch nie gehörten Sound, der sich Rhythm & Blues nannte, und der wenige Jahre später den Rock 'n' Roll als maßgebende Musik der 50er- und 60er-Jahre hervorbrachte, waren die Countrysongs der Hillbillies und der Blues der schwarzen Bevölkerung Nordamerikas, angereichert mit der Improvisationsfreude des Jazz.

Die Ballroom-Shakers aus Nürnberg sind eine Band, die noch die traditionellen Wurzeln des Rhythm & Blues pflegt, mit einigen Swing-Elementen und einem Gesangspart, der den großen Ladys des Jazz wie Billie Holiday oder Sarah Vaughan alle Ehre gemacht hätte. Die Stimmakrobatin, die das Publikum beim Konzert im Rathaus mit ihrer Röhre begeisterte, hatte eigentlich einen Jahreswechsel mit der Familie in Südtirol geplant, sprang aber kurzfristig für die erkrankte Roberta Collins ein. Und Vater und Mutter nebst bester Freundin kamen aus den Bergen ins flache Land, um das Debüt der Tochter, die ihr Studium als Jazz-Sängerin noch nicht ganz abgeschlossen hat, zu erleben.

Auch für die Zuhörer war es ein Höhepunkt, von der explosiven Stimme von Lucia Kastlunger mitgerissen zu werden. Die junge Dame brachte den angekündigten Swing und den Jive-Drive in die ehrwürdigen Räumlichkeiten, und die Band, die sie begleitete, hatte den Groove gepachtet. Das gilt vor allem für die beiden Rhythmiker: Jochen Schmidt am Schlagzeug, der nicht nur den richtigen Takt vorgab, sondern auch durch ein spektakuläres Solo beeindruckte, und Bassist Harry Hirschmann, der den Saiten seines Instruments die tiefen Töne entlockte und für einen runden Klang sorgte.

Sechs statt vier Saiten bearbeitete Michael Kusche. Als Rhythmus-Gitarrist prägte er den druckvollen Klang der Ballroom-Shakers, als Solist versuchte er sich beispielsweise am B.B.-King-Klassiker "Let the good Times roll", bei dem er auch den Gesangspart übernahm. Stimmlich kam er dem großen Vorbild schon ziemlich nahe. Und seine Gitarre klang fast so wie die legendäre "Lucille" des Blues-Königs, aber leider nur fast.

Vogelwild und völlig durchgeknallt - also gelinde gesagt: recht exzentrisch - waren die Soli, die die Saxofonistin der Truppe, Angelika Traurig, beisteuerte und für die sie heftigen Szenenapplaus erhielt. Das kam übrigens auch bei herausragenden Leistungen der anderen Bandmitglieder vor. Da waren wohl etliche Jazz-Fans im Publikum, die auch auf ihre Kosten kamen, spätestens bei der Zugabe, als Lucia Kastlunger "My Baby don't care" schnurrte.
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