Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich
Bescheidenheit der großen Geister

Die Welt ist manchmal nicht größer als die Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger. Aber Prechtl will laut Pfarrer Franz Meiler etwas anderes damit ausdrücken. Will der Künstler damit etwa sagen, was wir erforschen können, ist nur dieses kleine Maß gegenüber dem großen Kosmos? "Vielleicht will er auch sagen, nur so viel begreift der Mensch", vermutet der Monsignore. Bild: Steinbacher
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
08.12.2016
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Franz Meiler. Bild: Hartl

Was wird sich der Maler Michael Mathias Prechtl gedacht haben, als er den Astronomen und Mathematiker Johann Kepler (1571 - 1630) so gemalt hat, wie wir ihn hier sehen? Solche Bilder sind hintergründig und lassen verschiedene, wenn nicht sogar gegensätzliche Deutungen zu.

Echte Kunst regt immer zum Denken und Fragen an. Sie will auch etwas aussagen. Ironie und Humor sind vorzügliche Mittel, um die Betrachter zum Fragen anzuregen. Hier lässt der Maler in den Kopf des großen Forschers hineinschauen. Sonst können wir in keinen Menschen hineinschauen, um zu sehen, was er denkt und was er im Kopf hat.

Wenn einer wie Kepler zu seiner Zeit so weitreichende Erkenntnisse in seiner Forschung gewinnt, ist er sicher ein intelligenter Überflieger. Da muss einer erst einmal darauf kommen. Genies übersteigen mit ihrer außerordentlichen Begabung das Normale. Sie denken über sich hinaus. Diese Begabung zeigt uns, dass die Welt mehr ist, als der normale Mensch wahrnehmen kann. Wir können an den Sinnspruch denken: Es muss im Leben mehr als alles geben. Natur- und Geisteswissenschaftler übersteigen mit ihrer Genialität das Alltägliche.

Wenn allerdings einem Menschen zu viel Gescheitheit in den Kopf steigt, sagt man ja auch: Der hat sich verstiegen. Um dieses Bild aufzugreifen, gibt es den Ausdruck, es habe einer ein Radl zu viel. Gescheitheit kann umschlagen, dann sagen wir: Der dreht durch. Mir scheint, Prechtl wollte bei aller Bewunderung für große Geister die Betrachter wieder auf den Boden bringen. Ein Genius kann Erstaunliches beherrschen und entdecken, und dennoch bleibt er ein Mensch, dessen soll er sich bescheiden bewusst sein. Der Maler zeigt Kepler mit Fernglas. Ein Astronom schaut in Entfernungen, die unsere Vorstellungen übersteigen. Um die Dinge richtig zu sehen, braucht es immer auch das richtige Instrument, und das muss richtig eingesetzt werden. Ansonsten gibt es verzerrte oder falsche Bilder und Vorstellungen. Da können wir an ein Wort des Rudolf Otto Wiemer denken: "Dreh doch mal das Fernrohr um. Welche Wohltat, zu sehen, wie klein die Sorgen dann werden!" Vielleicht könnten wir hier noch den Zusatz einbauen: Wir müssen die Fehler der anderen nicht mit dem Vergrößerungsglas anschauen. Es sei Ihnen überlassen, die Fantasie hier noch weiter spielen zu lassen. Auffallend ist noch, Kepler misst mit einem Zirkel den Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger. Will er damit sagen, was wir erforschen können, ist nur dieses kleine Maß gegenüber dem großen Kosmos? Vielleicht will er auch sagen, nur so viel begreift der Mensch. Da gibt es tiefe Worte der Weisheit im Alten Testament: "Unsicher sind die Berechnungen der Sterblichen. Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht und finden nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt; wer kann dann ergründen, was im Himmel ist?" (Weish 9, 14.16.)

Auf diesem Bild schaut Kepler die Betrachter an und seine Mehrdeutigkeit stellt auf humorvolle Art ernste Fragen. Genialität und Narrheit liegen oft gar nicht so weit auseinander. Auf das richtige Maß kommt es im Menschenleben an. Da haben wir ja anschauliche Worte für menschliches Verhalten oder Fehlverhalten: "Bei dem ist eine Schraube locker", "der hat ein Rädchen zu viel", "der hat einen Röhrenblick", "hier blickt einer nicht mehr durch", "der hat kein Maß mehr" ... Lassen wir die Gedanken einfach spielen. Hier steht das Genie Kepler da wie eine Witzfigur. Aber passt dazu nicht auch das Wort: Witz ist nichts als amüsant gemachte Wahrheit?

Wenn Wissenschaftler nach den Sternen greifen und wir uns in die Sternenwelt hineindenken, bleiben wir dennoch auf dem Boden dieser Erde. Auch höchste Entdeckungen verdienen Bescheidenheit gegenüber dem Großen und Unbegreiflichen. Jedenfalls, es lohnt sich, in dunklen Nächten in die Sterne zu schauen und über alles, jenseits der Sterne, mit Staunen, Bewunderung und hoffnungsvoller Erwartung nachzudenken. Allerdings müssen wir bescheiden auf dem Boden der Tatsachen stehen bleiben. In Schottland gibt es das Sprichwort: Wer stets zu den Sternen aufblickt, wird bald auf der Nase liegen. Hier wird wohl das Goethewort zutreffen: "Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen, ein Werdender wird immer dankbar sein." Wir sehen unsere Welt mit den Augen unserer Beschränktheit, doch ein heller Geist sagt uns, es gibt mehr und Größeres, als wir sehen. Dafür sollten wir immer offen sein.

Ich denke, mit dem Bild von Kepler, mit dem Wissen der Natur- und Geisteswissenschaft, ahnen wir, dass es über uns das unbegreiflich Schöne und Große gibt. Das macht unser Leben, Forschen und Sehnen so spannend. Ein Mathematiklehrer hat deshalb auf seinen Grabstein die Worte schreiben lassen: "Des Rechnens müd, lieg ich im Grabe und muss nun in die Brüche gehen. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, werd ich wieder auferstehen."

Der AutorMonsignore Franz Meiler, Jahrgang 1948, Stadtpfarrer von St. Martin. Nach dem Abitur an der Spätberufenenschule Fockenfeld bei Waldsassen folgte ein Studium der Philosophie und Theologie an der Universität Regensburg. 1976 wurde der gebürtige Vilsecker zum Priester geweiht.1988 kam er nach St. Martin.

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