Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich
"Das muss ja Ärger geben"

Wer an das Oktoberfest denkt, hat Bier, Festzelte, Menschenmassen und Tradition vor Augen. Michael Mathias Prechtl machte daraus zu Zeiten der geplanten Wiederaufbereitungsanlage "ein hinterfotziges Plakat", wie es unser Gast-Autor Prof. Dr. Anton Scharl nennt. Bild: Steinbacher
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
06.12.2016
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Prof. Dr. Anton Scharl. Bild: Huber

Jetzt ist er also doch einer von uns, "der Prechtl". Lange wollte er kein Amberger mehr sein, aber am Lebensende auch kein Nürnberger mehr. Im Tod ist er jetzt wieder zu Hause und ruht auf dem Katharinenfriedhof. Wer war dieser aufregend schillernde, unangepasste, widersprüchliche, mit sich selbst kämpfende und hadernde Maler, Grafiker und Keramiker, dieser belesene Kreuz-und-quer-Denker?

In der Blütezeit der Regentschaft des "Bayernkönigs" Franz Josef Strauß und in dem Jahr, in dem die Bauarbeiten zur Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf begannen, traute er sich das hinterfotzige Plakat "Das Oktoberfest". In dieser Zeit der zugespitzten politischen Auseinandersetzung haute Prechtl den Münchenern zu ihrem Hochamt doch tatsächlich Bewohner ihrer Stadt um die Ohren, mit denen sie sich wohl nicht schmücken wollten; und das auch noch in der Gesellschaft von Volksheiligen wie dem Kini Ludwig II, Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Ganz links unten auf dem Bild, höflich den Hut lüftend, grüßt der Revoluzzer Wladimir Iljitsch Ulanow, genannt Lenin, mit Glatze und Bärtchen, der auch in Schwabing die proletarische Revolution propagierte. Und auf der Gegenseite reckt ein weiterer Herr seine Hand aus dem Hintergrund hoch zu einem Gruß.

Unschwer erkennbar mit heimtückisch blitzendem Auge ist der Gefreite aus Österreich, der Möchtegernmaler und GRÖFAZ, der von München aus Infernalisches begann. "Das muss ja Ärger geben" titelte Die Zeit. Wer sich damals solch ein Gemälde traute, der ist kein bequemer, aber ein wichtiger Zeitgenosse. Ein großer Künstler, ein Besessener. Da kommt er aus sowjetischer Gefangenschaft und hat als größtes Ziel, Kunst zu studieren, ein Weg, der in dem vom Krieg zerstörten Land alles andere als Sättigung und eine warme Stube verheißt.

Stets steht für ihn der Mensch im Mittelpunkt, der Hintergrund ist unwichtig. Wenn er mal nicht Menschen abbildet, dann das, wozu sie fähig sind im Guten wie im Schlechten, große Kunst und Architektur neben Zerstörung und selbstverschuldetem Chaos. Er zeigt es, direkt, unverblümt. Abstraktion war für ihn "ein feiges sich Davonstehlen". Stets zitiert Michael Mathias Prechtl den historischen Kontext, Moderne ist ohne die Vergangenheit nicht denkbar, der Mensch immer auch ein Spielball im Strudel der Geschichte.

Am stärksten berührt haben mich die Bilder von Prechtls Vater und Familie. 1926 geboren, war Prechtl fast ein Jahrgang mit meinem eigenen Vater. Beide waren Bergmänner, die Großeltern Kleinbauern. Beide wurden am Ende des Krieges eingezogen, arbeiteten damals in der Luitpoldhütte und versuchten, eine Familie durchzubringen. Im Bild von Prechtls Vater glaube ich meinen eigenen Opa zu erkennen, der - früh gestorben - mir nie begegnete. Abgearbeitet, müde, vom Leben gezeichnet, nicht schön und großartig, aber fleißig, ehrlich und verantwortungsvoll. In den Bildern der Tochter schimmert stets die Erinnerung der eignen harten Kindheit und der vom Krieg gestohlenen Jugend und Unbekümmertheit. Fühlte mein Vater ähnlich? Blickte er mich so an wie Prechtl seine Tochter zeichnete? Spiegeln mir diese Bilder meine eigene Herkunft? Welch ein Schatz von nie erlebten Erinnerungen, von nie erspürten Gefühlen. Ich muss wieder ins Stadtmuseum!

Der Autor Prof. Dr. Anton Scharl (59) ist gebürtiger Amberger, besuchte die Grundschule in Aschach und machte sein Abitur am Gregor-Mendel-Gymnasium. Nach der Facharzt-Weiterbildung und Stationen in Erlangen, Köln, Chicago sowie Frankfurt kam er in seine Heimatstadt zurück, in der er seit 2000 Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum St. Marien ist.


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