Ich und mein Prechtl – Mein Prechtl und ich
Das Unmögliche möglich machen

Wenn aus Feinden Freunde werden. Wilhelm Koch hält das wie Michael Mathias Prechtl nicht für Utopie, sondern für das erstrebenswerte Ziel einer neuen, freundlicheren Gesellschaft. Bild: Stadtmuseum

Da schauen sie uns an, das Schaf und der Wolf. Ein ungleiches Paar. Und dennoch wirken sie glücklich, die beiden, wie ein frisch vermähltes Paar, scheinen fast zu lächeln. Wie alle Werke Michael Mathias Prechtls regt auch dieses zu gesellschaftlicher Reflexion an.

Der Wolf und das Schaf - kann das gut gehen? Funkelt da nicht etwas Unberechenbares in den bernsteinfarbenen Augen des wilden Tieres? Ist das ein Klammergriff, mit dem er das Schaf gefangen hält? Und der Ausdruck in den Schafsaugen - ist er nicht etwas naiv und ... ?

Hatten sie dieses Misstrauen auch sofort im Kopf? Schließlich kennt man es nicht anders - der Wolf als Feind des Schafes. Fabeln, Parabeln und Gleichnisse der vergangenen 1000 Jahre legen Zeugnis davon ab. Aber bei Prechtl ist alles anders. Hier haben sie endlich zueinander gefunden, sind sogar unzertrennlich geworden. Sein utopisches Paar ist Sinnbild für das "Glück des Unmöglichen" (Kai Artinger).

Die Aquarellzeichnung zierte das 1986 von der Frankfurter Büchergilde Gutenberg herausgegebene Buch "Utopia" von Thomas Morus. Der Autor entwirft darin eine menschliche Idealgemeinschaft, in der keiner mehr bloßes Mittel, sondern Zweck des anderen ist. Man muss nicht mehr fressen und wird nicht gefressen. Gemeinsam wird in Harmonie gelebt, wird Großes geschaffen und werden Ziele erreicht. Das Prechtl-Bild von Schaf und Wolf ist ein Symbol für die Hoffnung einer neuen, offenen Gesellschaft. Die Darstellung - eine Freundschaft, eine Liebe zwischen Schaf und Wolf - ist wider die Natur und daher völlig unmöglich.

In uns Betrachtern jedoch weckt es neben dem misstrauischen Gedanken auch die Freude an dieser Fantasie - und die Hoffnung, das Unmögliche möglich zu machen. Hier knüpft auch der europäische Gedanke an, der mich bei meinem Europa-Tempel-Projekt in Etsdorf begleitet. Dieses Gemeinschaftsprojekt - der Bau der Glyptothek in der Gemeinde Freudenberg - kann bloß mit vereinten Kräften gestemmt werden.

Eine Bürgerskulptur, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen soll als Ort der Begegnung, des friedlichen Miteinanders und des kulturellen Austauschs. So dass das, was anfangs unmöglich schien, doch zum Glück wird. Ganz so, wie es Schaf und Wolf uns vormachen.

Der AutorWilhelm Koch (Jahrgang 1960) ist Künstler und Grafiker. Von 1981 bis 1986 studierte er Kommunikations-Design in Würzburg, von 1986 bis 1989 an der Akademie der Bildenden Künste in München sowie von 1989 bis 1991 als Meisterschüler an der Städelschule Frankfurt/Main. 2006 eröffnete er das von ihm konzipierte Luftmuseum. 2003 erhielt der Etsdorfer den Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz, 2008 den Eon-Kulturpreis Bayern und 2010 den Förderpreis der Internationalen Bodenseekonferenz für Innovative Kulturvermittlung.
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