Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich
Den Vater verehrt, die Tochter gelehrt

Wiederholt machte Michael Mathias Prechtl seine Tochter Pamela zum Mittelpunkt seiner Werke. Wie auf diesem Bild aus dem Jahr 1974. Günter Dollhopf durfte Vater und Tochter persönlich kennenlernen, allerdings auf unterschiedliche Weise. Bild: privat
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
13.12.2016
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Günter Dollhopf. Bild: Huber

Meine erste Begegnung mit Michael Mathias Prechtl fand im Sommer 1959 statt. Als Student im zweiten Semester der Nürnberger Kunstakademie in einer Klasse für Malerei und Grafik arbeitete ich in der dazugehörigen druckgrafischen Werkstatt.

Eines Tages legte mir Ludwig Krämer, der Werkstattleiter, eine Lithographie auf, die in ihrer leuchtenden Farbigkeit alles überstrahlte. Noch heute verspüre ich die Erregung, die das Bild in mir auslöste, war es doch die Darstellung des "gelobten Landes", das Ziel unserer malerischen Studienträume. "Griechenland, Italien, Spanien und die Provence sind die Länder, in denen die Landschaft das reine Lächeln Gottes ist." Das war unser Motto, so wie es schon Cezanne formuliert hat.

"Südliche Landschaft" stand unter dem Bild. Ich sah eine eigenartige wurstförmig gerundete blauweiße Wolke in einem gelben Himmel mit einem blauen Meer, einem Felsmassiv und einem dorf-artigen Häuserkonglomerat. Alle Gebäude erschienen in die Fläche gerückt, entfernt von Zentralperspektive und einer realen Raumanordnung. Vorder-, Rück-, Unter- und Oberseite der Häuser waren wie eine Abwicklung aufgeklappt und im kompositorischen Kontext neu geordnet. Das lasierende Überdrucken der strahlenden Gelb-Ocker- und Rottöne mit den sechs Farbsteinen ließ reiche Malerei entstehen, so wie ich es in einer Druckgrafik bisher noch nicht gesehen hatte. Die Tür ging auf, Prechtl kam herein, war etwas konsterniert, weil ich auf seinem Platz saß und sein Bild anstarrte. Er deutete auf sich und sprach: "Ich bin der Meister!" Ich habe das nicht vergessen, vor allem, weil er es so selbstverständlich sagte. Noch dazu gegenüber einem Anfänger, dem er wirklich keine Rechenschaft schuldig war, der ihn grenzenlos bewunderte.

Meine zweite denkwürdige Begegnung mit ihm war 1975. Inzwischen hatte ich eine Professur an der Nürnberger Kunstakademie inne und arbeitete in meiner freien Zeit in der Zirndorfer Druckerei Leipold, deren Eigentümer als großzügiger Mäzen für die Künstler der Region eine Abteilung für Lithographie und Offsetdruck eingerichtet hatte. Hier war auch Prechtl zugange. Ich druckte dort das Plakat zu meiner Retrospektive im Dürer-Haus Nürnberg. Prechtl beobachtete interessiert den Druckvorgang. Daraufhin fragte er den Direktor der Museen der Stadt Nürnberg, Dr. Schregl, warum Dollhopf und nicht er, der er ja seine Dürer-Verehrung im eigenen Werk zum Ausdruck gebracht hätte, diese Ausstellung bekäme und schloss nach Aussage Dr. Schregls mit der bemerkenswerten Analyse: "Dollhopf ist ja ein viel größerer Künstler als ich."

Damit wäre sein vorher postulierter Meisterstatus relativiert, hätte er dabei nicht in einem fast theatralisch anmutenden traurigen Tonfall gesprochen, der dem ganzen die nötige Ironie verlieh. Ein Jahr darauf bewarb sich seine Tochter Pamela für das Studium in meiner Klasse. Nach knapp bestandener Aufnahmeprüfung ließ sich die gute Pamela weder zu Klassenbesprechungen, noch zu Einzelterminen sehen und stand somit kurz vor der Mappenabgabe zur Probezeit vor dem Rausschmiss. Das wollte ich dem Vater nicht antun.

Ich holte den letzten Selbstgebrannten aus dem Keller und suchte den Meister in seiner Wohnung auf. Ohne mich besonders zu beachten, zeichnete er weiter, konzentriert und versunken in einer Illustration. Die Flasche stellte er in ein Regal und murmelte: "Zu meiner Tochter habe ich keinen Kontakt. Ich weiß nicht, wo sie ist. Tut mir leid!" Kurz darauf erschien Pamela in der Akademie, legte eine akzeptable Mappe vor und bestand. Nach diesen drei Begegnungen verlor ich ihn aus den Augen. Ab und zu hörte ich etwas von Problemen wegen der Ausmalung des Nürnberger Rathauses. Streitereien von Kollegen über seine künstlerische Qualifikation und seine Ausstellungserfolge im kunsthistorischen Museum Wien und Amerika. Dankbar werde ich ihm stets sein für seine Initialzündung in der Akademiewerkstatt und für manch technische und formale Erkenntnisse, die sich in meinen Bildern weiterbewegten.

Der AutorDer gebürtige Nürnberger Günter Dollhopf (Jahrgang 19937) studierte Germanistik und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie an den Akademien der Bildenden Künste Nürnberg und München. Seit 1963 hat er seinen Hauptwohnsitz in Amberg. Ab 1964 arbeitete er als Kunsterzieher, zunächst in München, dann in Sulzbach-Rosenberg und Amberg. 1971 erhielt er einen Lehrauftrag an der Akademie Nürnberg. 1973 wurde er dorthin als Professor berufen, wo er bis 1997 tätig war und angehende Kunstlehrer ausbildete.
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