17.12.2016 - 02:00 Uhr
Oberpfalz

Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich Der atypische Ur-Bayer

Oskar Maria Graf hat es den Autoren dieser Serie angetan. Nachdem sich Architekt Michael Flierl gestern mit der Rolle des Schriftstellers während der Nazi-Zeit beschäftigte, geht es AZ-Redakteur Michael Zeißner heute um das Verdienst des Porträtzeichners Prechtl. Bild: hfz
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich

Der atypische Ur-Bayer

Gekannt habe ich ihn, bevor ich wusste, wer dahintersteckt. Das liegt an seinen Titelbild-Illustrationen unter anderem für den Spiegel. Als zugereister Wahl-Oberpfälzer erfuhr ich erst spät, dass Michael Mathias Prechtl (1926-2003) - damals oft als MMP gehandelt - lange einen schweren Stand in seiner Heimat hatte. Da ist er nicht der Einzige. Dem Autor und Spieleerfinder Friedrich Gebhardt, alias Eugen Oker (1919-2006), ging das mit Schwandorf nicht anders.

Über die Lektüre von Oskar Maria Graf (1894-1967) landete ich wieder bei MMP und etliche Jahre später beruflich selbst in Amberg. Nach und nach wurde mir bewusst, mit welch interpretativer Wucht es Prechtl gelungen ist, das von der Fotografie weitgehend ins Abseits der bildenden Kunst verdrängte klassische Genre Porträt zurückzuholen.

Es gibt mehrere Arbeiten von MMP zu Graf. Mir hat es der sitzende Lederhosenträger angetan. Davon existieren zwei im Detail abweichende Versionen, die auf 1981 datieren. Das ist vernachlässigbar. Unweigerlich bleibt das erste Hinsehen bei diesem verschmitzt-angriffslustigen, von Falten zerfurchten Gesicht hängen. Der offene, direkte Blick fixiert herausfordernd den Betrachter, ebenso wie die auf den linken Arm gestützte, nach vorne geneigte Pose des Oberkörpers.

Die grobschlächtigen Hände haben so gar nichts feinsinnig Poetisches an sich. Die Krachlederne suggeriert ein Traditionsidyll, und das Motiv auf dem Hosenträger-Steg spielt sarkastisch mit einem von Brezen und Eichenlaub umrankten bajuwarisch-amerikanischen Fantasiewappen. Oskar Maria Graf ist liebevoll entlarvt. Der störrische oberbayerische Bäckersbub, von der Familie verstoßen, erklärte sich selbst zum Schriftsteller. Nicht zu einem Literaten oder gar Poeten. Schreiben ist Arbeit, davon zu leben, Schwerstarbeit. Ideologen beschreiben ihn als einen Autor des Proletariats, Humanisten als einen im wirklichen Leben der Menschen verhafteten Schriftsteller. Im Ersten Weltkrieg kommt so einer wegen Befehlsverweigerung ins Irrenhaus, den Zweiten erlebt er als Exilant vor den Nazis von New York aus. Der unbeugsame Pazifist aus der Provinz war in der amerikanischen Megastadt häufig in Lederhose unterwegs. Nahezu grotesk wirken Fotos von diesen Streifzügen. Feinsinnig greift MMP diese Widersprüchlichkeit auf und ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass in dieser Arbeit auch eine gehörige Portion Selbstporträt steckt.

Der Autor

Michael Zeißner (59) schloss sein Studium der Theaterwissenschaft, Literaturgeschichte und Philosophie mit dem heute nicht mehr erwerbbaren akademischen Titel des Magister Artium ab. Daraus wurde ein Berufsleben als Lokaljournalist.

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