Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich
Der Kini und die Stöckelschuhe

Prechtl zitiert ein berühmtes Bildmotiv, den auferstandenen Christus des Isenheimer Altars. In eben dieser Pose fährt der als Wasserleiche bezeichnete König Ludwig II. gen Himmel. Sein fliegendes Gewand entblößt sehr irdische Spitzenhöschen. Und die verführerisch aufblickende weibliche Nackte mit den Zügen von Romy Schneider kann den Entschwebenden nicht halten. Bild: tk
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
09.12.2016
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Marieluise Scharf. Bild: Hartl

Eigentlich hat uns der Gerstensaft zusammengebracht. In Buchform, möchte ich betonen. Es war wohl in den 60er-Jahren, als mir das schmale Bändchen "Bierbilderbuch - Ein Bier kommt selten allein", damals noch in der Buchhandlung Lieret in Amberg in der Bahnhofstraße, in die Hand fiel. Warum ich überhaupt darauf aufmerksam wurde? Es waren die deftig-drallen Illustrationen von Michael Mathias Prechtl, die mir ins Auge stachen.

Der Name des Künstlers war mir damals nicht geläufig, aber die derben Holzschnitte prägten sich ein. Sie gefielen mir nicht unbedingt auf Anhieb, aber irgendwie ließen sie mich auch nicht los. "Unsere Ahnen, die alten Germanen, saufen mit Gegröle: wir versaufen unserer Oma ihre Höhle!", solche und andere lustig-ironischen Texte eines Herrn Adrian kamen Michael Mathias Prechtl für seine Arbeiten mit Hohleisen und Stechbeiteln gerade recht. Mit dem spitzen Linienmesser ritzte er zwei Urgermanen ins kernige Holz. Der eine trägt einen Hörner-Helm auf dem Schwollkopf, schwenkt das gebogene Trinkhorn und flackt faul auf einem Bärenfell.

Der andere liegt stoppelbärtig unterm Bierfass und lässt sich das Gebräu in den weit aufgerissenen Mund laufen. Die Stimmung der beiden Bierdimpfl könnte nicht besser sein! Auch wenn in dem Bierbändchen die Saufbrüder bis nach Ägypten unter Palmen verpflanzt werden, "wo selbst Götter Krüge kippten", ändert sich das nicht und auch nicht bei der Männerstammtischrunde, wo es heißt "Hier ist man Mann, zu Hause gibt man an." Im Klappentext ist gereimt zu lesen: "Michael Mathias Prechtl arbeitete manches Nächtl, tief stieg er in die Materie für die Holzschnitt-Bilderserie."

Aus den Augen habe ich den genialen, aufmüpfigen Maler, Zeichner, Grafiker, Buchillustrator und Plakatkünstler Michael Mathias Prechtl, dessen größtes künstlerisches Vorbild Albrecht Dürer war, nicht verloren. Prechtl zeichnete ebenso akkurat und prägnant, aber immer mit frechen Hintergedanken.

Leibhaftig begegnet bin ich ihm als Kulturjournalistin bei der Ausstellungseröffnung "Prechtls Welttheater", die von März 2001 bis Januar 2002 in Berlin, Nürnberg und eben auch im Stadtmuseum in Amberg, seiner Geburtsstadt, gezeigt wurde. Es sollte die letzte Ausstellung sein, die er selbst mit erarbeitet hat. Auf rund 300 Exponaten betrachtet er mit satirischem Scharfsinn, Witz und Ironie die Großen der Weltgeschichte. Er lässt den Papst auf dessen Hirtenstab als moderne Hexe herumfliegen und verziert den Bayernkönig Ludwig II. mit Spitzenunterhöschen und Stöckelschuhen.

2003 verstarb Prechtl. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Katharinenfriedhof in Amberg. Posthum verlieh ihm seine Geburtsstadt, die nicht immer mit der Kunst des Michael Mathias Prechtl einverstanden war, den Kulturpreis.

Übrigens, das Bierbändchen habe ich schon lange an einen lieben Menschen verschenkt, der mehr Freude am Gerstensaft hat als ich und vielleicht auch die Prechtl-Illustrationen zu schätzen weiß.

Die AutorinMarieluise Scharf, Jahrgang 1946. Die gebürtige Sulzbach-Rosenbergerin ist gelernte Buchhändlerin, arbeitete von 1973 bis 1975 in der Stadtbibliothek, später für die Familie Lieret und ist seit Mitte der 90er-Jahre als Kulturberichterstatterin für die Amberger Zeitung tätig.

Alle Artikel zu "Mein Prechtl und ich" finden Sie unter www.onetz.de/themen/mein-prechtl-und-ich
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