24.12.2016 - 02:10 Uhr
Oberpfalz

Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich Goethe wäre angetan gewesen

Prechtls Füchse sind feinhaarig. Wie dieser, den Goethe um den Hals trägt. Bild: Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main und Wien 1999
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich

Goethe wäre angetan gewesen

Füchse zählen zu meinen immerwährenden Lieblingstieren, und da fügt es sich gut, dass der Maler-Grafiker-Zeichner Michael Mathias Prechtl diese Zuneigung offenbar ziemlich geteilt hat; wie man sich zum Beispiel bei der Dauerausstellung im Amberger Stadtmuseum ausreichend überzeugen kann.

Berühmt, ja volkstümlich wurde Prechtl nicht zuletzt wegen seiner Tierzeichnungen, -grafiken, -allegorien insgesamt - in seinen Büchern und schmaleren Druckprodukten, in denen Tiere häufig auch als Träger geistig-symbolischer Gehalte herhalten müssen. Der Löwe für Welt- oder auch nationale Macht, Schlangen und Fledermäuse für Sexualfantasien der sündigeren Art; und wiederholt Käfer und Dohlen für Franz Kafkas mehr oder weniger albtraumhafte Welt- und Roman-Sehweisen. Dergleichen druckten auch gern und tun es bis heute deutsche und andere Journale zumal aus Hamburg und gaben Prechtl immer wieder Aufträge für Titelbildgestaltungen.

Mir persönlich waren diese Bildlösungen manchmal etwas zu naheliegend, zu seriell und gewissermaßen populistisch. Weniger motivlich allzu fixsymbolische Darstellungen des Amberg-Nürnberger Künstlers sagen mir meist mehr zu - buchstäbliche Tiere ohne weiteren Symbol-"Überbau" - und hier zumal seine Füchse, jene, die wir im Amberger Stadtgebiet so schmerzlich entbehren müssen, während, wie ich der Presse und dem Fernsehen entnehme, in Territorien wie Berlin und Zürich je an die 500 Exemplare hausen; und, wie ich mit gemischten Gefühlen vernehme, aus mehr oder weniger einsichtigen Gründen jetzt wieder mehr verfolgt beziehungsweise evakuiert werden müssen. Prechtls meist feinhaarig elaborierte Füchse streifen manchmal in Fell und Gesamtaussehen die Unterspezien Graufuchs, Blaufuchs, Silberfuchs und so weiter - wie vermutlich fast allen hiesigen Menschen gefiel ihm aber wohl am meisten und häufigsten der Rotfuchs (Vulpes vulpes); seine nach älterer Zählung 47 Unterarten ("Farbschläge") interessieren den Maler wohl weniger als den Zoologen. Rotfuchs ist deshalb auch jener in Prechtls bekannter Illustration von Goethes "Reineke Fuchs" (1793) - gleichfalls präsent ist er auf Postkarten, etwa Goethe gleich zweimal mit stolzem Rotfuchspelz.

Oder auf einem im Stadtmuseum konservierten Plakat von der Ausstellung 1999 im Münchener Literaturhaus: Ein offenbar besonders aggressives, ja tückisches, hinterhältiges Exemplar, das da gerade entschlossen einen friedsam dösenden Dürer'schen Hasen überwältigt. Zwar gilt der Rotfuchs nicht länger als einer der erbittertsten Feinde des Menschen, aber anhaltend vieler und vor allem kleiner Tiere; gleichwohl dem modernen anthropomorphistisch beziehungsweise ästhetisch empfindenden Homo sapiens als wesensnah, wegen seiner Pfiffigkeit und Schläue fast als Vorbild. Das steht außerhalb jeder neueren fuchsologischen Forschung. Und bei Prechtl stimmt es auch schon ganz besonders.

Vielleicht deshalb lässt er auf einer seiner Arbeiten als "utopisches Prinzip Hoffnung" nicht einen Fuchs, sondern einen schwarzen und vielleicht noch etwas böseren Wolf ein Lamm umarmen und umgarnen. Der Fuchs würde sich solcher allversöhnlicher Gesten verweigern. Der führt nur, akkompagniert durch zwei pinguinartige Hofräte, vorm König Löwe eine zierliche und höfische und sehr trügerische Verbeugung aus. Goethe wäre gewiss sehr angetan gewesen. Unter den zahlreichen Visualisierungen seines satirischen Tierepos ist die Prechtls eine der attraktivsten, und sein Meister Reinecke der grazilste, unwiderstehlichste - verlogenste.

Michael Mathias Prechtl, der selber mit seinem dunklen Kräuselbart mehr an einen Igel gemahnt (oder doch wegen der ingrimmigen-mürrischen Miene an einen Dachs?): Er hatte eine Vorliebe für den Fuchs (Ordnung: carnivora), aber eine keineswegs exklusive. Die Grafik "Die Entführung der Apostel" zum Beispiel kommt ohne den Fuchs als Entführer aus. Und auch das winterliche "Dreikönigstreffen" in fränkischer Schneelandschaft verweigert dem Fuchs den Zutritt. Obwohl er neben König Ludwig II., Louis Armstrong und dem Sonnenkönig Ludwig noch gut dazu gepasst hätte. Als vierter Evangelist. Oder als Juwelen- oder zumindest als Hühnerdieb.

Der Autor

Eckhard Henscheid (Jahrgang 1941) gehört zu den Mitgliedern der sogenannten Neuen Frankfurter Schule, die unter anderem durch Beiträge in den Satiremagazinen Pardon und Titanic bekannt wurden. Seine Arbeiten umfassen Erzählungen, Romane, Idyllen, Märchen, Satiren, Essays, Lyrik, Nonsens-Dichtung, Polemiken und Glossen, Literatur-, Kunstkritik.

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