Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich
Meisterhaft wäre untertrieben

Kaum einer weiß, dass die in Stein gemeißelte Szenerie - Vater Kolping begrüßt einen Handwerker - auf dem Josefshaus am Kaiser-Wilhelm-Ring ein frühes Werk von Michael Mathias Precht ist. Bild: Hartl

Ich gestehe zu meiner großen Schande: Ich habe mein halbes Leben lang Michael-Mathias-Prechtl-Bilder mit Begeisterung betrachtet, ohne zu wissen, wer MMP überhaupt ist! Geschweige denn, dass er ein Amberger ist. Ja, das schreibe ich hier öffentlich und schäme mich.

Dabei hatte ich in meiner Jugend doch sogar selbst versucht, mit der bei ihm abgeschauten Fingerabdruck-Technik Bilder zu malen. Aber als junger Amberger war der Gedanke, dass ein Amberger den Spiegel-Titel gestaltet oder gar die New York Times illustriert, einfach zu absurd. Das konnte nicht sein.

Aber Prechtl hat mich trotz meiner peinlichen Unwissenheit geprägt und begleitet. Sogar von frühester Kindheit an. Neben den anderweitig interessanten Flamingos vor dem Hallenbad und dem Nepomuk auf der Kurfürstenbrücke hat der ahnungslose Amberger Bub in seinen Kindertagen nämlich auch das Prechtl'sche Fassadenbild am Josefshaus immer wieder mit Faszination betrachtet. Wohl auch rätselnd, weil er lange nicht verstanden hat, was es überhaupt darstellen soll.

Die Interpretationen des unwissenden Knaben schwankten über die Jahre zwischen Faust- und Schwertkampf bis hin zu obskuren Tanz- und Liebesszenen. Der direkte Bezug zu Josef Kolping und bodenständiger Handwerksarbeit war auch in meiner Jugend dem Josefshaus bereits abhanden gekommen. War das Haus für mich doch immer schon ausschließlich ein Tempel der Ausschweifungen und Lustbarkeiten. Für mich und meinesgleichen natürlich umso faszinierender.

Und später sollte in diesen Mauern, direkt hinter Michael Mathias Prechtls Kunstwerk, auch mein musikalischer Weg mehrfach denkwürdige Stationen machen.

Nach vielen Jahren darf ich als Ergebnis schöner und auch bitterer künstlerischer Erfahrungen nun auch die Erkenntnis mein eigen nennen, dass Kunst und Handwerk keine Gegensätze sind, sondern vielmehr immer Hand in Hand gehen.

Gutes Handwerk ist eine schöne Kunst und gute Kunst ist für mich immer auch gutes Handwerk. Mit Recht kann man wohl sagen, dass Prechtl ein meisterhafter, nein, mehr noch, ein genial-grandioser Handwerker in seiner Kunst war.

Und heute weiß ich's natürlich auch besser: Ein großer Amberger Künstler - wenn nicht sogar der Größte? - hat mir beim Singen im Josefshaus indirekt über die Schulter geschaut. Schade, lieber Michael, dass ich dich nie persönlich kennenlernen durfte. Ich bin ein großer Bewunderer deiner Kunst. Und ich hätte dir zu gerne beim Malen auch mal über die Schulter geschaut.

Der AutorThiemo Lacher (49) ist seit seiner frühesten Jugend Musiker und in Amberger sowie auch überregionalen Musikprojekten aktiv. Bekannt ist er hauptsächlich in seiner Rolle als Schlagerstar Johnny Gold. Hauptberuflich ist er als Bewährungshelfer tätig und eher heimlich auch leidenschaftlich als Maler und Illustrator.

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