Ich und mein Prechtl - Mein Prechtl und ich
Von Führern und Verführten

Alle sind sie da: Führer und Verführte. Rivalen und Vertriebene. Dämonen, Geister und ihre Opfer. Prechtl hielt sie allesamt fest auf einem Bild, so, als hätte er einen verbotenen Blick erhascht. Bild: Wolfgang Steinbacher

Wie schwierig die Frage zu beantworten ist, wann etwas beginnt und wann es wieder endet - das sieht man schon an so einer banalen Sache wie dem Oktoberfest. Klar: Premiere war am 12. Oktober 1810, weil damals schließlich der nachmalige Bayernkönig Ludwig seine Therese von Hildburghausen geheiratet hatte.

Aber schon am Ausgang des Jahrhunderts, zur Prinzregentenzeit, da wurde der Herbsttermin sanft nach vorne gerückt, hinein in den goldenen September. Denn floss da das kühlende Gold der Biermaßen nicht umso kräftiger in die Kehlen der durstigen Besucher?

Als Michael Mathias Prechtl im Jahr 1985 für das Münchener Stadtmuseum ein Plakat gestaltete, das den Titel "Hundertfünfundsiebzig Jahre bayerischer Nationalrausch" trug, da beschäftigte er sich mit einer noch viel komplizierteren Frage. Nämlich mit der Gretchenfrage der Deutschen. Wie hältst du's mit der Zivilisation? Wann hatte sie begonnen, die Verirrung des Lands der Dichter und Denker? Wo war sie zeitlich anzusetzen, die Weggabelung, die die verspätete Nation in Richtung Auschwitz geführt hatte?

Prechtl formulierte diese Fragestellung in der ihm eigenen Weise, indem er pointierte und karikierte und Geschichte aus der überblendeten Zusammenschau von Biografien erzählte. Ein buntes Personaltableau würfelte er da als Basisdaten zusammen, einen Reigen, der sich zeitlich vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts (Richard Wagner und Ludwig II.) über die Zwischenkriegszeit (zwar am rechten Rand, aber doch mittendrin: Hitler. Daneben Lenin, Brecht, Valentin, Karlstadt, Toller, Eisner) bis in seine Gegenwart (Herbert Achternbusch) erstreckte. Über allem aber thronte, auf einem die Zähne bleckenden Bayern-Löwen, der Lederhosen tragende (und nachmals im New Yorker Exil als Provinzschriftsteller darbende) Oskar Maria Graf. Ein kecker Bursch, mit der einen Hand den Maßkrug empor reckend. Mit der anderen die personifizierte Sünde präsentierend, die ihrerseits barbusig und mit gespreizten Beinen die schöne Bestie reitet.

Um ihren Hals geschlungen trägt sie, als wär's edles Geschmeide, eine weißblau gemusterte Riesenschlange. Alle sind sie da: Führer und Verführte. Rivalen und Vertriebene. Dämonen, Geister und ihre Opfer.

Prechtl hielt sie allesamt fest auf einem Bild, so, als hätte er (wie einst der Brandner Kasper, der ins Paradies schauen darf) einen verbotenen Blick erhascht. Und nunmehr mit der Gewissheit geschlagen ist, dass alles mit allem zusammenhängt. Ohne Bier kein Rausch. Ohne Rausch keine Orgie. Ohne Orgie keine Gewalt. Wann das angefangen hat? Ob das jemals wieder aufhört?
Der AutorPeter Geiger (Jahrgang1966) ist Lehrer an der Städtischen Wirtschaftsschule und unterrichtet die Fächer Deutsch und Geschichte.

Nebenbei schreibt er über Themen wie Literatur, Musik und Kino, vor allem für den überregionalen Kulturteil der Amberger Zeitung.
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