Komponist Hans Schanderl sammelt Töne auf Atlantik-Frachter
Der Sound der MV Barbara

Da fährt sie dahin, die MV Barbara. Das 180 Meter lange Frachtschiff ist für die MST-Reederei aus Schnaittenbach auf dem Atlantik unterwegs. Bilder: Hans Schanderl (5)
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
19.10.2017
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Gut behütet bei der Arbeit: Hans Schanderl an Deck.

Wenn kreative Köpfe aufeinandertreffen, entstehen mitunter kuriose Ideen. An einer besonders schönen dürfen sich in ein paar Monaten die Amberger erfreuen. Das Projekt bringt das Luftmuseum, einen Schüttgutfrachter auf dem Atlantik und einen Komponisten aus Berlin zusammen.

Im Büro von Reeder Jürgen W. Ruttmann in Schnaittenbach geht es heute mal nicht um Bruttoregistertonnen und Hafenpapiere. Neben dem Schreibtisch des Unternehmers sitzt Komponist Hans Schanderl (57) aus Berlin. Aus einer schwarzen Umhängetasche zieht er einen Laptop hervor - die Beute seiner sechswöchigen Atlantiküberquerung. Vor ein paar Tagen erst ist er von der Schiffsreise zurückgekehrt.

Ruttmann kann kaum erwarten, was der Komponist so alles erzählt. Von dem, was er erlebt hat, in der Kajüte und bei seinen nächtlichen Rundgängen auf dem Schüttgutfrachter MV Barbara - einem 180 Meter langen Stahlriesen aus der Flotte der in Schnaittenbach ansässigen MST-Reederei. Schanderl ist auf dem Schiff mitgefahren, um Töne zu sammeln für ein neues Werk, die Schüttgut-Symphonie. Die MV Barbara fuhr von Antwerpen leer über den Atlantik zum Amazonas, um dort Kaolin zu laden. Die gesamte Reise dauerte sechs Wochen.

"Die Crew hat ganz schön gestaunt, wie ich mein Gepäck an Bord gebracht habe." Schanderl hatte neben den üblichen Reise-Utensilien ein kleines Tonstudio dabei und natürlich sein Cello. "Ich versuche ja, mit meinem Cello neue Klänge zu finden, neue Spielarten auszuprobieren, zu schauen, was da möglich ist", sagt er. "Da gibt es eine klangliche Ästhetik, die völlig im Verborgenen liegt." Gleiches wie für sein Cello gilt wohl auch für einen mit Kaolin beladenen Schüttgutfrachter.




Ausgestattet mit Mikrofon, Kopfhörern und einem Computer ging der Komponist auf Entdeckungsreise auf dem Schiff. "Da gab es ständig ein Schleifen, ein Pfeifen, ein Hämmern, ein Pulsieren. Das waren fantastische Rhythmen, Das Klangespektrum eines solchen Frachters ist enorm", erzählt Schanderl. Zum Cello gesellten sich als Instrumente der Dieselmotor, die Pumpen, die Lüftungsanlagen und die Ankerketten. "Ich durfte mit meinem Aufnahmegerät überall hin. Nur bei schlechtem Wetter, da hat mich der Kapitän nicht an Deck gelassen."

Tausende Audio-Dateien




Der Tönesammler war im Maschinenraum, in der Küche, auf der Brücke, in den Frachtcontainern, an Bug und Heck, bei Tag und Nacht. "Nachts um 12 Uhr auf der Brücke zu stehen, das war schon ein besonderer Moment." Noch nie habe er den Sternenhimmel in so einer Intensität leuchten gesehen. "Die Milchstraße ist mir wie ein Scheinwerfer vorgekommen, der reinstrahlt in unser Himmelsgestirn."









Als die MV Barbara den Rückweg nach Antwerpen antrat, hatte sie nicht nur Tausende Tonnen Schüttgut geladen, sondern auch mehrere Tausend Audiodateien und 6000 Fotos. "Ich gehe davon aus, dass die Nacharbeit mindestens ein Jahr dauert", schätzt der Tonkünstler aus Berlin. Schanderl hat bereits angefangen, das Material auszuwerten. "Ich bin gestern den ganzen Vormittag drangesessen. Dabei habe ich eine Tonsequenz von etwa eineinhalb Minuten editiert." Ziel ist es, einen Setzkasten mit all den Tönen anzulegen, die die Schiffsreise hergab. Auf diesen Setzkasten kann Schanderl dann zugreifen, wenn er seine Schüttgut-Symphonie komponiert.

"Eine Seh- und Hörreise"

Schanderl denkt da an ein "audiovisuelles Werk ", eine "Seh- und Hörreise", so, wie sie die Amberger schon von der Luftsymphonie her kennen. Vor vier Jahren feierte dieses in Zusammenarbeit mit Wilhelm Koch und dem Luftmuseum entstandene Werk in Amberg Premiere. Vielleicht wird Amberg auch Schauplatz für die Uraufführung der Schüttgut-Symphonie. Wobei Schanderl auch einen reizvollen alternativen Aufführungsort wüsste: "Die Hafenverwaltung in Antwerpen, das wäre schon eine gigantische Kulisse."

Es dauert noch, bis der Sound des Schüttgutes auf der MV Barbara die Konzertbühnen erobert. Wer schon vorher in die Klangwelt Schanderls eintauchen will, braucht am Sonntag, 22. Oktober, nur nach Nürnberg zu fahren. Um 19 Uhr führt der Philharmonische Chor den Sinfonischen Liederzyklus "Im Traum gesungen" von Hans Schanderl in der Meistersingerhalle auf.

Hans SchanderlHans Schanderl hat eine besondere Beziehung zur Oberpfalz und zu Amberg. Mehrfach trat der Berliner Komponist bereits mit Luftmuseumsdirektor Wilhelm Koch in Aktion. Nicht nur bei der Luftsyphonie (Uraufführung 2013). Unter anderem gab Schanderl auch ein Konzert in der Asphaltkapelle in Etsdorf. Koch wusste von Schanderls Idee, Töne eines großen Schiffes einzufangen. Er stellte dann den Kontakt zu Reeder Jürgen W. Ruttmann her. Schanderl wurde 1960 in Regensburg geboren. Von 1982 bis 1988 absolvierte er ein Diplomstudium für Komposition, Arrangement und Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Von 1992 bis 1994 betrieb er ein intensives Studium polyrhythmischer Perkussion. Schanderl nahm diverse Lehraufträge wahr, unter anderem 1994 bis 1997 an der Hochschule der Künste Berlin. (upl)


Die Milchstraße ist mir wie ein Scheinwerfer vorgekommen, der reinstrahlt in unser Himmelsgestirn.Hans Schanderl über die Nächte an Deck


Da gab es ständig ein Schleifen, ein Pfeifen, ein Hämmern, ein Pulsieren. Das waren fantastische Rhythmen.Hans Schanderl über den Sound der MV Barbara
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