Konzert im Stadttheater
Bläserkultur trifft Blasmusik

Drei eher selten zu hörende Werke standen auf dem Programm dieses einzigartigen Konzertes mit dem Bläserensemble der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter der Leitung von Felix Hauswirth und mit Raphaela Gromes am Violoncello. Im Amberger Stadttheater begegneten sich jazz-rockige Klänge, burschikose Ländler und Menuette. Bild: Steinbacher

Die Komponistennamen allein lassen das delikate Programm im Amberger Stadttheater kaum erahnen: Mendelssohn nicht. Dvorák auch nicht. Gulda? Vielleicht. Das Bläserensemble der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter Felix Hauswirth und die Cellistin Raphaela Gromes haben es allerdings faustdick im Gepäck.

Schon beim Notturno C-Dur op. 24 des wunderkind-verdächtigen 15-jährigen Felix Mendelssohn-Bartholdy ist es raus: Die Stunde der Bläsersektion hat geschlagen, die Stunde der Emanzipation von den gemeinhin in Überzahl auftretenden Streicherkollegen. Von Beginn an präsentieren sich Holz wie Blech als ein prima zusammengespieltes Team, die Intonation ist sauber herausgeputzt und mit viel Klanggespür abgeschmeckt. Weihevolle Choräle durchziehen im Andante den Raum, Trompetensignale lassen das lebhaft sprudelnde Allegro vorausahnen, ein feinsinniger Kontrabassist darf die tiefe 16'-Oktave dazu spendieren.

Ein großer Wurf

Antonín Dvorák ist schon 36, als ihn in Wien ein ähnlich besetztes Opus von Mozart zu seiner Serenade d-Moll op. 44 inspiriert. Dem genialen Melodiker gelingt ein großer Wurf. Die bei Mendelssohn aktive Flöte darf durchatmen, ein drittes Horn antreten, ein Cello gekonnt den Bass einfärben. Die Erdung von Dvoráks Musik in der klarinettenfreundlichen böhmischen Folklore, die meisterhafte Instrumentierung faszinieren. Die Musiker spielen geschliffen, mit schlichter Eleganz, mit inspiriertem Ensemblegeist. Die Kollegen bei Rafael Kubeliks legendärer Einspielung von 1977 agierten vielleicht mit mehr kecker solistischer Prägnanz.

Der legendäre Pianist (nicht: Komponist) Friedrich Gulda (1930-2000) spiegelte nie ein geschöntes Bild seiner selbst vor. "Sie können das alles senden": Er nuschelt mit Wiener Schmäh ungefiltert, postpubertär flapsig-frech, ja überheblich ins Mikrofon. Das Cellokonzert schreibt er 1980 für den großen Landsmann Heinrich Schiff (1951-2016).

Die klangmächtige Besetzung mit Bläsern, Gitarre, Schlagzeug und Bass ist einmalig, sie erzwingt einen Tonabnehmer für das leicht verfremdete Cello. Die Musik balanciert so ungeniert wie ihr Papa Gulda zwischen Klassik, Funk- und Jazzrock, Volksmusik, Humba und Täterä auf dem schmalen Grat von grimmigem Ernst, zünftiger Ironie, fatalistischer Melancholie (berührend das Menuett), zuckerbäckersüßer Sentimentalität, almdudeligem Kuhglöckchenkitsch und parfümiertem Chimes-Geklingel.

In höherer Liga

Felix Neuwirth spielt mit seinem professionellen bläserorientierten Dirigat in einer höheren Liga als einst Gulda bei der Uraufführung. Wo Schiff einst wie ein kettensägender Berserker wutbebend auf das Cello losging, meistert die fabelhaft souveräne Raphaela Gromes den sperrigen Part schweißfrei mit fast zu verbindlich-lächelnder Nonchalance. Heiße Ovationenglut lodert auf, noch 'ne Gulda-Zugabe.
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