Lesung im Hotel Brunner
Im Bett mit Vilsgeist Paul

Viele Zuhörer passten nicht ins Hotelzimmer, als Archivar Jörg Fischer (links) die Geschichte von Paul, dem Vilsgeist, zum Besten gab. Bürgermeisterin Brigitte Netta machte es sich kurzerhand auf der Kante bequem. Bild: Hartl

Eine Lesung im Bett? Warum nicht?, sagte sich Jörg Fischer und präsentierte die Geschichten um Paul, den Vilsgeist, in dessen Zimmer im Hotel Brunner.

Von Johann Frischholz

Amberg. Da passten zwar nicht allzu viele Zuhörer hinein, aber diejenigen, die gekommen waren, erlebten einen Vortrag im intimen Rahmen. Und so wurde das Paul-Zimmer in gespentisch-dämmeriges Licht getaucht - und ein handverlesenes Publikum erfuhr, woher der Pappdeckel-Wirt seinen Namen hat.

An den Wänden des Raumes waren auch die Originalillustrationen aus Jörg Fischers Buch zu sehen, die Marcus Trepesch beisteuerte. Dafür wurde er auch in der Geschichte verewigt, leicht erkennbar als etwas schräg denkender Künstler Marius Treppmann, der dem nachmaligen Pappdeckel-Wirt eine preisgünstige und prachtvolle Fassade verpasste, die aber schon dem nächsten Regenschauer zum Opfer fiel.

Jörg Fischer ist hauptberuflich im Amberger Stadtarchiv tätig. Bei seiner Arbeit kommt er zwangsläufig mit allerlei erzählenswerten Ereignissen der Stadthistorie in Berührung. Und so enthalten seine Geschichten von und um Paul, den Vilsgeist, stets einen wahren Kern, dem der Archivarius mit viel Fantasie und unbeschreibbarer Lust am Fabulieren seine "So könnte es gewesen sein"-Variante hinzufügt. Also nicht unbedingt ein Sachbuch über die Historie Ambergs, sondern eher eine unterhaltsame Lektüre für schaurig-schöne Winterabenddämmerungen.

Aber auch geschichtsinteressierte Amberger können dem Büchlein "Das verräterische Herz und andere Erzählungen von der Vils" Wissenswertes entnehmen. Jörg Fischer beschreibt sehr genau etwa frühere Verläufe der Vils oder löst das Rätsel auf, warum der Spitalgraben so heißt, obwohl schon lange kein grabenähnlicher Aushub dort zu sehen ist. Die Zustände vor den ersten Versuchen, mittels einer geregelten Kanalisation das visuelle und olfaktorische Erscheinungsbild der Stadt zu verbessern, beschreibt der Autor so genüsslich detailliert, dass man die Augen schließen und sich die Nase zuhalten möchte. Mal bissig, mal liebenswert beschreibt er die Eigenarten der Bürger, die die Stadt in längst vergangenen Zeiten bevölkerten. Ihre Streitigkeiten und ihr Geltungsdrang kommen da - vorzüglich erzählt wie eine Reportage über einen Hahnenkampf - ungeschminkt zutage, und so manche Intrige traut man auch noch den Stadtherren von heute zu. Der Blick in die Geschichte öffnet immer noch die Augen für die Gegenwart.

Jörg Fischer und sein Alter Ego Paul bewahren bei all den kleinen und großen moralischen Verfehlungen doch einen Blick voll Sympathie auf ihre Protagonisten, sind sie doch Amberger durch und durch, und uns heutigen nicht unähnlich.
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