18.10.2017 - 12:38 Uhr
Oberpfalz

Nina Schütz veröffentlicht ersten Bildband über verlassene Orte in der Oberpfalz Momente für die Ewigkeit

Es sind nicht die touristischen Höhepunkte, die in dem Bildband über die Oberpfalz zu sehen sind. Sie sind veraltet, verfallen, verloren. Nina Schütz hat sie gefunden und für die Ewigkeit festgehalten.

In der ehemaligen Glasschleife in Münchshofen (Kreis Schwandorf) haben die Mitarbeiter Spiegel bearbeitet. Die Werkstatt sieht Jahre nach der Schließung so aus, als ob die Arbeiter eben erst Feierabend hatten. Staub und Spinnweben verraten, dass hier schon lange nicht mehr gearbeitet wurde. Bild: Nina Schütz
von Alexander Unger Kontakt Profil

Die Ambergerin Nina Schütz hat eine Leidenschaft für Altes entwickelt. Die Fotografin macht sich seit Jahren auf die Suche nach Orten, die dem Verfall preisgegeben sind. Tausende Bilder sind in dieser Zeit entstanden. Eine Auswahl davon präsentiert sie in ihrem ersten Bildband "Verlassene Orte in der Oberpfalz - Die Faszination des Verfalls". Im Interview mit Oberpfalz-Medien spricht sie über ihr Erstlingswerk.

Das erste Buch. Wie fühlt sich das an, sein "Baby" in Händen zu halten?

Nina Schütz: Es ist fast schon unbeschreiblich, ein Buch in den Händen zu halten, auf dem dein Name steht, es durchzublättern und die eigenen Bilder abgedruckt zu sehen. Eine Mischung aus Freude und Stolz.

160 Seiten - im ersten Augenblick klingt das nach unglaublich viel. Wie schwer war es eigentlich auszusuchen und wegzulassen?

Sehr sehr schwer. Denn die Oberpfalz hat so viele tolle und interessante Orte. Ich hätte sie am liebsten alle ins Buch aufgenommen, denn jeder einzelne ist es wert, betrachtet zu werden. Aber der Platz war begrenzt.

Der Verlag sitzt in Erfurt. Was war der Grund, nicht regional zu veröffentlichen?

Mich haben viele über meine Facebook-Seite angeschrieben, ob ich denn nicht mal ein Buch veröffentlichen will. Erst hab ich aber ehrlich gesagt nicht ernsthaft drüber nachgedacht. Erst später als ich eine Gelegenheit hatte, bei einer Online-Druckerei ein Fotobuch zu testen. Ich habe mir ein Exemplar über geheimnisvolle Orte in der Oberpfalz erstellt und habe es meinen Followern gezeigt. Da ging es dann los. Viele waren daran interessiert und fanden die Idee super. Also hab ich mich auf die Suche nach Verlagen gemacht, habe natürlich auch regional angefragt. Ich habe viele Absagen aber auch viele Zusagen bekommen. Mir war wichtig, dass der Verlag an mich und mein Projekt glaubt und mich unterstützt. Der regionale Verlag hatte hier leider Zweifel. Ich hätte es aber trotzdem versucht. Der Sutton-Verlag war von Anfang an sehr aufgeschlossen, und wir hatten über die Entstehungszeit hinweg immer wieder engen Kontakt. Ich bin sehr froh, dass ich mich für diesen Verlag entschieden habe.

Wie hoch ist die (Erst-)Auflage und wie viel davon gibt es noch?

Die erste Auflage waren 1300 Exemplare. Wie viele davon noch übrig sind, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich hoffe doch nicht mehr all zu viele, damit die nächste Auflage bald gedruckt werden kann.

Gibt es ein persönliches Highlight in diesem Buch? Etwas, das auf gar keinen Fall fehlen durfte, koste es, was es wolle?

Das ist ehrlich gesagt schwer zu sagen, da jeder einzelne Orte eine besondere Faszination auf mich ausübt und ich mich gerne an jeden erinnere. Aber ja, es gibt ein Highlight. Es ist die stillgelegte Porzellanfabrik. Sie hat mich komplett in ihren Bann gezogen. Ein riesiges Gelände mit vielen verschiedenen Räumen. Alle fanden wir so vor, wie man sie damals verlassen hatte, überall hatten sich dicke Staubschichten abgesetzt aus den alten Brennöfen wuchsen Bäume und saftig grüner Farn, der Boden war mit Moos bedeckt. Hier konnte sich die Natur ungehindert das zurückholen, was einst ihr gehörte, Man sah nirgends Vandalismus, kein Graffiti, keine Zerstörung. Nur der natürliche Verfall, der Einzug gehalten hatte.

Fühlen Sie sich eher als Künstlerin oder als Heimatforscherin?

Um ehrlich zu sein, bin ich beides ein wenig. Die Geschichten hinter den Orten interessieren mich sehr. Wer lebte hier, was wurde hergestellt, wieso hat man die Gebäude verlassen? Es gibt so viele Fragen. Hinter all diesen Orten stecken interessante, erschreckende, manchmal auch tragische Geschichten, die ich den Menschen gerne näher bringen möchte. Um das Erlebnis für den Zuschauer abzurunden, möchte ich die Stimmung, das Gefühl, das ich an den Orten hatte, in meinen Bildern rüberbringen. Es sollen keine dokumentarischen langweiligen Schnappschüsse sein. Die Bilder sollen fesseln und zum Nachdenken anregen.

Wie nähern Sie sich einem neuen Objekt? Einfach rein und fotografieren? Oder versuchen Sie zuerst etwas über die Geschichte des Objekts herauszufinden?

Ich versuche zuerst etwas über das Objekt herauszufinden. Oft gibt es alte Zeitungsberichte im Internet. Das kann schon mal sehr lange dauern, bis ich erste Anhaltspunkte habe. Meist versuche ich auch Kontakt mit dem Besitzer oder Pächter aufzunehmen. Gelingt mir das, ist es natürlich super. Die Besitzer, die ich mittlerweile getroffen habe, erzählen gerne über die Gebäude. Bei den meisten merke ich, dass sie mit Herzblut dabei sind. Ich mag es, bei den Touren den Zeitzeugen zuzuhören.

Schnelle Antwort bitte: Wo war es am gruseligsten?

Ganz klar die Bunkerstellungen auf dem Berg. Ich erinnere mich noch gut daran. Es war ein kalter Wintermorgen, je näher wir unserem Ziel kamen, desto schlechter und nebliger wurde es. Angekommen auf dem Berg sahen wir fast die Hand vor Augen nicht mehr. Wir stapften stundenlang durch die nebligen Wälder. Es war unheimlich still bis die ersten Bunkermauern vor uns auftauchten. Die Eingänge führten ins Dunkel, die Räume waren alle leer, vereinzelt lagen Knochen von Tieren auf dem Boden. Ich hatte die Geschichte des Ortes im Hinterkopf - da passte alles sehr gut zusammen.

Das Buch kommt passend zur Weihnachtszeit - sind Ausstellungen, Lesungen oder ähnliches geplant? So ein bisschen weitere Werbung kann ja nie schaden.

Ja, Ausstellungen sind geplant. Eine ist vom 30. Oktober bis zum 17. November in der Sparkasse in Schwandorf. Sie zeigt Bilder meiner Reise in die Sperrzone von Tschernobyl. Lesungen direkt habe ich noch keine geplant, darüber nachgedacht habe ich schon.

Ich mag es, bei den Touren den Zeitzeugen zuzuhören.Nina Schütz

Buch eins ist fertig. Die Suche nach den verlorenen Orten geht weiter. Worauf darf man sich schon freuen? Bayern, Deutschland, Europa, die ganze Welt?

Dies ist nicht der letzte Bildband. Im Februar 2018 werde ich einen weiteren veröffentlichen. Er zeigt verlassene Orte in Franken. Im Moment bin ich auch auf der Suche nach einem Verlag, der mit mir mein Bildband-Projekt über die Sperrzone von Tschernobyl verwirklicht. Das ist allerdings eine etwas schwierigere Angelegenheit. Dieses Jahr war fotografisch leider etwas mau. Das lag aber auch daran, dass der Bildband sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Ich möchte nächstes Jahr wieder richtig mit dem Fotografieren durchstarten. Es gibt so viele Orte, die ich unbedingt noch besuchen und fotografisch festhalten möchte.

Infos zum Buch

Auf 160 Seiten zeigt die Autorin Motive aus der Oberpfalz. Sie war dafür in Neumarkt, Regensburg, Cham, Schwandorf, Weiden und Tirschenreuth sowie im Kreis Amberg Sulzbach auf Fototour.
Nina Schütz: "Verlassene Orte in der Oberpfalz" (Sutton Verlag, 168 Seiten, 30 Euro)

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