Orgelbau und Orgelmusik ist zum immateriellen Kulturerbe erklärt
"In der Orgel steckt Innovation"

Der größte Kirchenbau Weidens - St. Josef - beherbergt auch die größte und klangmächtigste Kirchenorgel in der Max-Reger-Stadt. Der Orgelprospekt von 1901 beruht auf einem Entwurf des Architekten der Kirche Johann B. Schott. 3997 Pfeifen aus Zinn-Blei-Legierungen besitzt die Eisenbarth-Orgel in dem Jugendstil-Gotteshaus. Bild: Wilck (Foto: Wilck)
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
07.12.2017
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"Stellen sie sich vor, was wäre, wenn es keine Orgel mehr in der Kirche gäbe." Orgelexperte Peter K. Donhauser über die Bedeutung der Orgel.

Die Orgel gilt als "Königin der Instrumente", in Deutschland haben ihr Bau und die Musik eine reiche Tradition. Das Unesco-Komitee würdigte Orgelbau und Orgelmusik und nahm es in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf.

In Deutschland gibt es etwa 400 Orgelbaubetriebe, darunter auch einige in der Oberpfalz, wie in Weiden oder Regensburg. Rund 50 000 Orgeln erklingen hierzulande. Der Amberger Musiker Peter K. Donhauser ist Orgelforscher und Mitglied der Gesellschaft der Orgelfreunde. Immer wieder verfolgte er mit, wie es mit dem Antrag, Orgelbau und Orgelmusik als immaterielles Kulturerbe aufzunehmen, weiter geht. "Ein freudiges Ereignis. Dass es so gut ausgeht, war doch eine Überraschung", sagt der Gymnasiallehrer für Musik im Interview und lacht.

Schon als Jugendlicher faszinierte ihn die Orgel - obwohl er ein "Streicher" ist, er spielt Cello. Wir haben mit dem Oberpfälzer Orgelexperten über die Würdigung des Unesco-Komitees gesprochen:

Warum hat es die Orgel verdient, Weltkulturerbe zu werden?

Peter K. Donhauser: Die Orgel hat viele verschiedene Gestalten. Kein Ton ist wie der andere, jede Orgel ist ein Unikat und sieht anders aus. Mal klein und transportabel, mal über fünf Stockwerke groß, wie in Waldsassen. Teil der Würdigung ist auch der Orgelbau.

Dieses Handwerk vereint so viele Gewerke: Der Orgelbauer muss Schreiner sein, Metallbauer, Ingenieur, Konstrukteur, und Musiker - er muss die Töne richtig hören. Er muss Architekt sein, weil die Orgel in jedem Raum anders gestaltet sein muss. Es hat sich im Orgel-Handwerk viel Wissen angesammelt, das Kenntnisse aus vielen Bereichen vereint.

Was ist das Besondere an Orgel und Orgelmusik?

Das Instrument hat eine enorme Ausdrucksvielfalt und Spannweite, kein anderes kann man so laut oder leise spielen, wie die Orgel. In Deutschland gibt es eine große Vielfalt verschiedener Orgelstile. Das kommt daher, weil man früher in einem Land der Kleinstaaten und Fürstentümer weniger Möglichkeiten hatte, über das Handwerker-Umfeld hinauszublicken. Deswegen gab es viele regionale Entwicklungen. Eine Orgel in Hamburg sieht anders aus als in Dresden, Amberg oder Ottobeuern.

Die Orgel für manche etwas angestaubtes - wie sehen Sie das?

In der Orgel steckt auch einiges an Innovation. Die einzelnen Gewerke entwickeln sich weiter. Natürlich bleibt die Tradition, etwa die Konstruktion der Pfeife bleibt gleich, um einen bestimmten Klang zu erzeugen. Aber neue Materialien fließen ein, etwa Karbon statt Holz für die Trakturen. Auch die Elektronik für die Steuerung findet Einzug im Orgelbau. Zudem hat das Handwerk heute die Möglichkeit Einflüsse aus Paris, England und den USA in das Instrument aufzugreifen.

Welche Bedeutung hat die Orgel in der heutigen Zeit?

Stellen sie sich vor, was wäre, wenn es keine Orgel mehr in der Kirche gäbe. Das wäre eine große Änderung im liturgischen Geschehen. Dabei kommt die Orgel eigentlich von der weltlichen Seite. Dort gab es sie wesentlich länger, als es sie in der Kirche gibt. In England etwa gab es früher weltliche Orgel-Konzerte in "Twon Halls". Auch heute steht die Orgel in vielen Konzertsälen. Orgelmusik in Deutschland hat eine reiche Tradition und eine lebendige Entwicklung. Sie hat einen sehr sozialen Aspekt, weil sie gesellschaftsstiftend ist.

Orgelbau und -musik ist immaterielles KulturerbeJeju/Seoul. Die Tradition von Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland ist in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen worden. Die Entscheidung wurde am Donnerstag bei der Tagung des Unesco-Komitees auf der südkoreanischen Insel Jeju bekanntgegeben.

Nach Angaben der deutschen Unesco-Kommission prägen 400 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit etwa 2800 Mitarbeitern, 180 Auszubildenden sowie 3500 hauptamtlichen und Zehntausenden ehrenamtlichen Organisten das Handwerk und die Kunst des Orgelbaus und der Orgelmusik in Deutschland. Über 50 000 Orgeln seien derzeit hierzulande im Einsatz. "Jede Orgel ist einzigartig, denn sie wird eigens für den Raum entwickelt, in dem sie später erklingt", sagte Prof. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen Unesco-Kommission.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erklärte der deutschen Unesco-Kommission: "Orgelbau und Orgelmusik sind auch heute noch ein wichtiger Teil unseres Musiklebens, sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, gepflegt und fortentwickelt." Durch die Aufnahme in die Unesco-Liste werde die Bedeutung dieses über Jahrhunderte gewachsenen kulturellen Erbes gebührend gewürdigt. Um die Tradition zu stärken, fördere die Bundesregierung die Modernisierung national bedeutsamer Orgeln mit rund fünf Millionen Euro. Orgelmusik und Orgelbau sind nach der Falknerei und der Genossenschaftsidee eines der ersten deutschen Kulturgüter auf der weltweiten Liste. (dpa)


Stellen sie sich vor, was wäre, wenn es keine Orgel mehr in der Kirche gäbe.Orgelexperte Peter K. Donhauser über die Bedeutung der Orgel.
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