03.04.2018 - 16:24 Uhr
Oberpfalz

Poetry-Slammer Paul Weigl zurück in der Heimat "Wir hören nicht mehr zu"

Bei der Vorstellung seines Programms "DeGenerationskonflikt" verspricht Paul Weigl einen "Slam-Poetry-Kabarett-Comedy-was-auch-immer-Abend". Dieser Mix aus Literatur und Lachern beschäftigt sich mit den Widersprüchen des modernen Deutschen. Ein Beispiel: Online-Shopper sind traurig, weil der Einzelhandel stirbt.

"DeGenerationskonflikt" heißt das Soloprogramm von Paul Weigl. Einem größeren Publikum wurde der gebürtige Amberger erstmals bekannt, als er Teil des Theater-Ensembles des Café Zentral war. Bild: Martin Lindner
von Martin LindnerProfil

Amberg. (inl) Wie der Künstler im Gespräch nach seinem zweistündigen Auftritt im Café "Lieblingsplatz" verriet, sei der Name seines Programms doppelt zu verstehen. Ein Aspekt sei, dass keine Diskussion mehr zwischen Generationen und Gruppen mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen stattfinde: "Die Fronten haben sich verhärtet. Es gibt keine Bereitschaft mehr zu diskutieren und Kompromisse zu bilden."

Dieses Thema zog sich als eine der beiden Hauptideen durch das Programms: Vom Hipster-Vater, der seinem Sohn Malte erklärt, dass Stillstand Rückstand ist und dann denkt, sein Erziehungsauftrag sei erfüllt, bis hin zum Streit zwischen Veganern und überzeugten Fleisch-Essern. Während erstere Gruppe davon träume, mit Gemüse-Burgen die Welt zu retten, gäbe es für die anderen nur eines: "Tonnen von Speck", was Weigl so durchdringend ins Mikrofon raunte, dass der Boden des Cafés vibrierte. Dabei platzierte der Wahlberliner die Provokationen stets beidseitig: Einmal seien Fleischesser "Mörder", andererseits sei doch eigentlich das Spargelstechen "das größte Massen-Schächten von Mutter Natur".

Am Ende jeder Nummer kam Weigl aber zum ernsten Kern seiner Kritik zurück: "Am Ende drehen wir uns um und suchen Bestätigung in der eigenen Gruppe." Ein wirklicher Austausch von Argumenten? Der fehle. Schließlich störten Ohren doch nur die Aerodynamik.

Der zweite Rote Faden versteckte sich ebenfalls im Namen "DeGenerationskonflikt": Eine Kritik am immer schnelleren Konsum von Informationen und Waren, ohne Zeit, das eigene Handeln noch zu bedenken. Das scheinheilige Ergebnis zeigte Weigl in mehreren Nummern deutlich. "Je suis Charlie? Was? Das liegt doch schon mindestens 58 Attentate zurück, da kann mich doch heute keiner mehr ernst nehmen", sagte der deutsche Vizemeister im Poetry-Slam zynisch. Und: "Am nächsten Tag stehen wir dann wieder so heftig-mega-süß auf Katzenvideos." Was bleibt in einem Zeitalter, in dem wir nur noch die Überschriften lesen und uns per Internet Lebensmittel vor die Haustür liefern lassen? Laut Weigl Leichtgläubigkeit und "allgemeine Verblödung, forsch formuliert".

Gut fasste dies bereits die erste Poetry-Slam-Einlage am Anfang seines Auftritts zusammen. Zunächst summte der Künstler optimistisch: "Freiheit, Freiheit ist das Einzige was zählt." Wären da nur nicht dieser hektische Alltag und die ganzen Produkte, die man alle haben muss, und die Weigl seinem Publikum in einem ebenso rasenden Tempo aufzählte. Die Freiheit wurde dazwischen immer schiefer und unter Grimassen besungen. Schließlich wolle sich der Deutsche ja auch sicher fühlen.

Es folgte ein weiterer Wortschwall von etwa zehn abzuschließenden Versicherungen in unter einer Minute, um die Widersprüche des Alltags zu verdeutlichen. Am Ende ist Freiheit schließlich "das Einzige, was fehlt". So lautete das Fazit des Künstlers im Schlusssatz: "Stillstand ist manchmal auch der Durchblick."

Paul Weigl und der Poetry-Slam

Paul Weigl ist ein gebürtiger Amberger, mittlerweile aber Hauptstadtbewohner. Während seiner Jugend in der Oberpfalz machte er erste Erfahrungen mit Theater, Lyrik und Musik. Am Karsamstag stellte er in seiner Heimatstadt sein aktuelles Soloprogramm namens "DeGenerationskonflikt" vor. Paul Weigl gilt in der Poetry-Slam-Szene als echte Größe. Zu seinen Erfolgen gehört der Titel Kreuzberg-Slam-Meister.

Zudem wurde der 35 Jahre alte ehemalige Absolvent des Erasmus-Gymnasiums Vize bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry-Slam. Bekannt geworden war Weigl zunächst mit der Amberger Rap-Crew Störntybbn, bevor er sich 2008 dem Poetry-Slam widmete. Laut Metzler-Lexikon Literatur besteht ein Poetry-Slam "aus der Lesung bzw. dem Sprechen kurzer (auch Slam Poetry genannter) literarischer Texte, die von einem Moderator angekündigt und kommentiert werden". Laut Paul Weigl ist diese Art von Veranstaltung ein "Dichter-Wettstreit für Menschen mit Geltungsdrang". Dabei gebe es diese Regeln: Zum einen müssten die Texte eigenständig verfasst sein und ohne zusätzliche Hilfsmittel vorgetragen werden. Auch darf nur maximal einen Vers lang etwas gesungen werden. Zudem sollte ein bestimmtes Zeitlimit eingehalten werden. Das Publikum entscheidet per Applaus über den Sieger.

Grundsätzlich gelte aber die Regel, jeden Dichter und seinen Text mit Respekt zu behandeln. (inl)

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