Stagione D'Opera Italiana bringt die Oper "Lucia di Lammermoor" von Gaetano Donizetti ins ...
Höchste Freude und tiefster Schmerz

Das Opernensemble ließ in dieser Szene zumindest teilweise die (männlichen) Hüllen fallen. Bild: Steinbacher
Der Besuch hätte noch besser sein können, denn das Geschehen riss vom ersten Takt an mit. Ob auf einem schottischen Schloss im 18. oder 19. Jahrhundert, in Anatolien oder Deutschland im 20. Jahrhundert: Die Zwangsverheiratung eines Mädchens - ob Schwester oder Tochter - mag vielleicht manchmal gut gehen, es kann aber auch zur Katastrophe kommen. Wenn sich in der Oper die Braut Lucia weigert und der ihr zugewiesene Bräutigam meint: "Ehre raubst du mir und Leben" - dann kommt das bedenklich aktuell rüber.

Scott-Roman als Grundlage

"The Bride of Lammermoor", der zugrundeliegende Erfolgsroman des schottischen Romantikers Sir Walter Scott von 1819 mit seiner kompromisslosen Handlung, wird in der Oper "Lucia di Lammermoor" (1835) durch die Musik des italienischen Komponisten Gaetano Donizetti noch verstärkt, die die Problematik zwischen erwünschter Liebe und aufgedrängter Pflicht blendend darstellt. Und so ist diese Oper ein eindringliches Beispiel dafür, dass Menschen zu allen Zeiten gegen etwas, das sie für Unrecht halten, protestieren und sich gegen Unterdrückung zur Wehr setzen.
Dabei sind italienische Musikvorstellungen für Emotionen besonders gut geeignet, in Melodieführung und Akkordgestaltung drücken sie tiefgehende Gefühle aus und erzeugen damit beim Hörer ungeahnte Gefühlswallungen. Belcanto und Koloratur prägen diese Oper in besonderer Weise. Die Geschehnisse um Liebe, Intrige und Zwang, einfühlsam und klar musikalisch von Donizetti konzipiert, werden vom Ensemble der Stagione D'Opera Italiana in mitreißender Eindringlichkeit dargestellt.

Verliebt in den Todfeind

Der 1. Akt dreht sich einmal um die finanzielle Zwangslage, in der sich Enrico (Alfio Grasso) befindet, und die er durch Verheiratung seiner Schwester Lucia mit dem reichen Arturo (Adriano Marginea) überwinden will. Dementsprechend ist die Musik unruhig, wird noch nervöser, als Enrico erfährt, dass seine Schwester Edgardo liebt, seinen Todfeind. Das ist noch schlimmer, als wenn ein ägyptischer Feldherr eine äthiopische Sklavin namens Aida liebt.

Mit Normano (Valentino Valeria) und Raimondo (Ioan Vrasmas) überlegt Enrico, wie man Lucia zwingen kann, Arturo zu heiraten. Die nervösen Klänge zeigen, wie fein gesponnen die Intrige erwächst, die Lucia zum Spielball der Pläne ihres Bruders machen soll. Ebenfalls im 1. Akt befindet sich anschließend eine ergreifende Liebesszene zwischen Lucia (Cristina Simione) und Edgardo (Konstantin Nicola). Klänge der Sehnsucht und der Zusammengehörigkeit ertönen, wenn sich die beiden Menschen ewige Liebe schwören.
Im 2. Akt wird Lucia von ihrem Bruder zur Heirat genötigt, indem er ihr vormacht, Edgardo habe eine Andere. Ein gefälschter Liebesbrief dient als Beweis. Selbst die Vertraute Alisa (Emilia Frigiotto) kann nicht mehr helfen. Wieder grummelt die Musik wirkungsvoll, und die Sänger müssen in waghalsigen Tonsprüngen ihre Überzeugungskraft, respektive ihr Entsetzen, darlegen. Die glanzvolle Hochzeitsfeier schließlich wird gestört durch Edgardo, der Lucia Treuebruch vorwirft. Er wird weggedrängt, die Gäste feiern weiter. Lucia und Arturo haben sich ins Brautgemach zurückgezogen.

Die Katastrophe am Ende

Der 3. Akt bringt die Katastrophe: Raimondo entdeckt, dass Arturo tot im Ehebett liegt. Lucia hat ihn erstochen. Dann erscheint sie selbst im Festsaal. Sie ist nicht mehr bei Sinnen. Ihre Wahnsinnsarie, deren Gestaltung durch Cristina Simione mit einem besonders heftigen Szenenbeifall bedacht wird, ist ihr Abschied vom Leben - am Schluss ersticht sie sich selbst. Nirgends bemerkt man so deutlich wie in dieser Arie, dass Belcanto mehr ist als nur schönes Singen: Ausdruckvolle Tonfolgen, deren Intervalle von äußersten Gefühlen gesteuert sind, machen das schreckliche Geschehen nicht verzeihbar, aber verständlich.
Bei Donizetti dienen Koloraturen der Handlung und deren tonaler Umsetzung. Und dass eine Wahnsinnige nicht mehr eine nette Arie von sich gibt, ist sowieso klar. Sir Walter Scott lässt Edgardo am Leben, bei Donizetti ersticht er sich auch, um mit Lucia wenigstens im Jenseits zusammen sein zu können, selbst wenn das nicht mehr so prächtig ausgestattet und von so vielen Menschen erfüllt ist wie das Diesseits in der Inszenierung von Horaccio Ballint.

All dieses umsichtig und einfühlsam musikalisch geleitet zu haben, ist das große Verdienst von Christian Sandu, unter dessen Dirigat das gesamte Ensemble dem Publikum einen wunderschönen Opernabend bescherte.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.opera-stagione.com
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