09.04.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Stark gekürzte Version von Dieter Fortes "Luther" im Amberger Stadttheater Luther aus der Sicht der 68er

Im Jahr des Reformationsjubiläums ist Martin Luther allgegenwärtig - auch auf den Theaterbühnen. Im Amberger Stadttheater sieht das Publikum eine stark gekürzte Version von Dieter Fortes "Luther". Ein Lehrstück, in dem die Moral dem Geld unterliegt.

Thesen für ein neue Kutte: Noch sind Luthers Ansprüche bescheiden. "Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" - im Amberger Stadttheater sahen die Besucher ein Lehrstück, in dem das Geld eindeutig über die Moral siegt. Bild: Hartl
von Johann FrischholzProfil

Es ist überliefert, dass am letzten Oktobertag des Jahres 1517 ein schüchterner Augustinermönch 95 Thesen "wider den Ablasshandel" an die Schlosskirche von Wittenberg nagelte - und dass diese Hammerschläge die Welt verändern würden wie kein Ereignis zuvor. Dieses Ereignis jährt sich heuer zum 500. Mal und wird entsprechend nicht nur in evangelisch geprägten Landesteilen gewürdigt - auch auf den Theaterbühnen.

Die Stuttgarter Schauspielbühnen nahmen aus diesem Anlass das Schauspiel "Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" wieder in ihr Tourneeprogramm auf, das Dieter Forte in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auf die Bühne gebracht hatte. Allerdings in einer stark - von rund fünf Stunden auf knapp die Hälfte - gekürzten Fassung. Übrig geblieben sind immer noch 60 Szenen, in denen 11 Darsteller in 32 Rollen agierten. Die Streichungen wurden aber wohlüberlegt vorgenommen. In dem nun nicht mehr ganz so überdimensionierten Werk blieb so die Logik der Handlung trotzdem erhalten.

Bühnenbild beeindruckt

Die zahlreichen Szenen gingen meist direkt ineinander über, so dass fast keine Umbaupausen den Handlungsablauf störten. Im schlichten, aber trotzdem beeindruckenden Bühnenbild wurden zur besseren Orientierung des Publikums die jeweiligen Schauplätze an den Deckenbalken eingeblendet. Die Darsteller, die in verschiedenen Rollen auftraten, konnten jeweils anhand ihrer eindeutigen Kleidung identifiziert werden.

Der Wechsel in die jeweiligen Charaktere bereitete den Schauspielern und der einzigen Schauspielerin im Ensemble, Sophie Schmidt, kaum Schwierigkeiten. Nur Reinhard Froboess gelang es leider nicht, als stets klammer Kaiser Maximilian I. den österreichischen Akzent stringent durchzuhalten. Die Idee, manche der handelnden Personen in ihren Heimatdialekten sprechen zu lassen, war zwar originell, aber überflüssig und konnte auch nicht immer angewendet werden, was im Fall von Jakob Fugger Gott sei Dank bedeutete, dass er dann doch hochdeutsch sprach und nicht schwäbelte. Das hätte wahrscheinlich nicht zum besseren Verständnis des Stücks, sondern eher zur Erheiterung des Publikums beigetragen.

Thomas Henniger von Wallersbrunn verlieh der Titelfigur des Martin Luther glaubwürdige Eigenschaften, vom bescheidenen kleinen Mönch, der ein treffliches Salär für seine Arbeit ausschlug und sich nur eine neue Kutte wünschte, zum wütenden Revolutionär und frustrierten Konterrevolutionär, aber immer begnadet dickschädelig. Raumgreifend und fast ein wenig überpräsent - im Vergleich zur anderen Titelgestalt, Thomas Münzer, deren Auftritt merklich zusammengestrichen war - agierte er einesteils als selbstbewusster, aufrechter Mann. Andererseits ließ er sich als Joker im Spiel der Mächtigen aus Adel und Klerus einsetzen, selbst nicht merkend, dass seine Idee von einer neuen, reformierten Kirche nicht nur, aber überwiegend dem Kapital und seiner Vermehrung diente. So erschien der neue Geist ebenso geldgierig wie der alte, der mit dem Ablasshandel die Reformation auslöste. Hier ist das Werk eindeutig in seiner Entstehungszeit zu erkennen, den Aufbruchsjahren der Alt-68er, in denen jedem Stück ein klein wenig Salonmarxismus beigemischt war.

Abbild unserer Epoche

"Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" geriet unter der Regie von Manfred Langner zu einem Lehrstück, in dem die Moral dem Geld eindeutig unterliegt und das dadurch ein erschreckendes Abbild auch unserer Epoche wurde. Von einem gut motivierten Ensemble wurde es mit dem gebotenen Ernst dargeboten, aber immer auch mit einigen humoristisch-satirischen Einwürfen, die in den fast zweieinhalb Stunden für kurze Entspannungsphasen beim Publikum sorgten.

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