05.03.2005 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Thomas Manns "Zauberberg" als Bühnenfassung im Amberger Stadttheater Exkursion durch Lust, Liebe, Krankheit, Tod

von Redaktion OnetzProfil

Der "Zauberberg" ist ein Buch von Thomas Mann. Er ist ein gewaltiges Werk, ein Koloss der Weltliteratur. Ihn zu besteigen bedarf es nicht nur der Kunst des Lesens. Er fordert mehr: Begeisterung und Belastbarkeit, bedingungslose Opferbereitschaft und gute Bildungs-Ausrüstung, Kondition und Durchhaltevermögen.

Nicht jeder ist so gut durchtrainiert, diese Anstrengungen auf sich zu nehmen. Für viele liegt die Expedition schon längst in den Gymnasiumstagen vergraben und das Erinnerungsvermögen ist leicht verblasst. Nun stemmt das Eurostudio Landgraf das magische Massiv auf die Bühne.

Auf zwei Stunden gestrafft

uIn der gestrafften Fassung von Vera Sturm und Hermann Beil geht es in gut zwei Stunden über Höhen und Tiefen, durch Abgründe und Kamine, Überhänge und Steige. Was man beim Lesen im langen Marsch durch die Kapitel erleben und im eigenen Tempo erfahren und nachvollziehen kann, das muss nun in kürzester Zeit bewältigt werden.

Kein Grund, um das Premierenpublikum im Amberger Stadttheater am Donnerstagabend von dieser Exkursion durch "Lust, Liebe, Krankheit und Tod" abzuhalten. Gigantisch ragt der nackte Fels durch die hohen Fenster des Sanatoriums. Erhaben, unnahbar, herausfordernd, dieser azurblaue Anblick. In kühlem Weiß dagegen ist der Raum bestuhlt. Menschen finden sich ein, trinken Kaffee, sitzen einzeln an den Tischen.

Symmetrisch inszeniert

Ein Pfiff, der Zug rollt ein, Hans Castorp ist angekommen in einer anderen Welt. In einer Welt, die bestimmt ist von Verzweiflung und Verführung, von Hoffnung, Traum und Tod. Frank Matthus inszeniert symmetrisch. Er setzt seine Schauspieler wie Schachfiguren auf das Brett und lässt sie nach dem Spiel wieder wie Marionetten abtransportieren. Er montiert und demontiert. Er bedient sich beim Urelement des antiken Dramas, dem erzählenden "Gesang" des Chors, und kann so auf verschiedenen Ebenen Handlungsstränge verknüpfen.

Witz und Esprit

Die Monotonie der Abläufe, das Makabre der Situation, die Bedeutung von Symbolen - Matthus will alles einbringen. Meist sehr ernst, manchmal auch mit Witz und Esprit, wie beim Liebeswerben um die schöne Clawdia Chauchat (Brit Gdanietz).

Er ist ein Bergführer, der seiner Mannschaft bedingungslose Gefolgschaft abverlangt. Aber er kann auch auf sie zählen. Immer an der Spitze stapfen Andree-Östen Solvik als Hans Castorp und Klaus Mikoleit als Hofrat Behrens. Der eine, der junge Ingenieur, der eigentlich nur zu Besuch nach Davos, dem "Lourdes der Schwindsucht", fährt und dort zum heilbedürftigen Patienten wird.

Der andere jovialer Chefarzt mit Hang zur Malerei, der die Menschen nach ihrer Eignung zum Patienten beurteilt. Das zweite wichtige Gespann sind Lodovico Settembrini (Jörg Walter) und Leo Naphta (Matthias Schuppli). Der aufklärerisch-optimistische Literat und der spöttische Katastrophenprophet provozieren in langen Diskussionen so manchen Gedankenabsturz.

Und die Abstürze häufen sich: Der von Lebenskraft strotzende Mynheer Pepperkorn (Klaus Birkefeld) beendet durch Schlangengift sein Leben. Der Ruf zum soldatischen Dienst reißt den auffallend stillen Vetter Joachim Ziemßen (Robert Arnold) in den Tod. Die restliche Seilschaft mit Assistenzarzt Dr. Krokowski (Thomas Müller-Brandes), Oberin Fräulein von Mylendonk (Cornelia Jahr) und den Patienten Judith Steinhäuser, Olga Feger, Lajos Wenzel und Hermann Höcker endet in symbolisch-ironischer Tiefe.

Zu hektisch, zu hastig

Trotz engagierter schauspielerischer Leistung und ordentlich-origineller Inszenierung erschloss der Zauberberg am Premierenabend noch nicht seine volle Magie. Ein bisschen zu hektisch, zu hastig, zu unverständlich die Dia- und Monologe, was besonders auf den hinteren Plätzen das akustische Verständnis erschwerte. Wohl dem, der seinen Zauberberg gelesen hat, er hatte sicherlich noch mehr Vergnügen beim Erklimmen dieser literarischen Höhe.

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