21.01.2018 - 11:00 Uhr

Tibia: Eines der ältesten Online-Rollenspiele kommt aus Regensburg "World of Warcraft" ist nur die Kopie

Vier Studenten aus Regensburg erschaffen vor zwanzig Jahren eine virtuelle Welt voller Abenteuer. Mit Hilfe ihrer Computer und des aufkommenden Internets entsteht das Rollenspiel „Tibia“. Eine Pionierleistung: Erst sieben Jahre später kommt das bisher erfolgreichste MMORPG "World of Warcraft" auf den Markt. "Tibia" hat da schon Hundertausende Spieler auf der ganzen Welt.

Die Gründer von "Cipsoft" sind stolz auf ihre Heimat Regensburg.
von Dominik Konrad Kontakt Profil

Als die Fähre den Ritter auf der Insel absetzt, ist es dunkel. In einer Hütte erwartet den Abenteuerer die Bürgermeisterin. „Der Fluch hat sich ausgebreitet“, verkündet sie mit finsterem Blick: Eine Plage verwandelt die Bevölkerung in bestialische Werwölfe. Es ist der Beginn eines der vielen Abenteuer in der virtuellen Welt des Computerspiels „Tibia“.

Der Spieler kontrolliert im Spiel die Figur eines Abenteuerers. In dieser Mission soll er im Auftrag der Bürgermeisterin auf zwei angrenzende Inseln reisen und herausfinden, wie die Menschen wieder zurückverwandelt werden können. Er besucht die Magierakademie und geht schließlich im unterirdischen Tempel der Werwölfe dem Ursprung der Plage auf den Grund.

Als Hobby gestartet

Ausgedacht haben sich die Fantasiewelt vier Studenten aus Regensburg: Stephan Vogler, Ulrich Schlott, Stephan Payer und Guido Lübke. Vogler, Schlott und Payer entwickeln schon in der Schulzeit kleine Spiele. Anschließend beginnen die drei ein Informatik-Studium. Später stößt Physik-Student Lübke dazu. „Das war 1995 und da sind wir das erste Mal mit dem Internet in Berührung gekommen“, erinnert sich Vogler. „Wir waren von den Möglichkeiten total fasziniert.“ An virtuelle Online-Welten auf dem Computer ist in dieser Zeit nicht zu denken.

Die vier Freunde ändern das – und werden zu Pionieren. Sie erschaffen „Tibia“ – nebenher, als Hobby, während des Studiums. Es ist eine Welt, durch die der Spieler sich als kleine Figur bewegen kann. Die Kamera des Spiels blickt von oben auf den Abenteuerer herab und beobachtet ihn bei seinen Reisen durch Sümpfe, Wälder, Meere, Schneelandschaften, Gebirge, Höhlen, Städte und Dörfer. Die Spieler treffen dabei auf Gleichgesinnte. Mit ihnen können sie reden, handeln oder sie angreifen. Das Spiel zieht viele in seinen Bann. Etwa auch "PewDiePie": Der Youtuber hat als erster auf seinem Kanal 50 Millionen Abonnenten erreicht und dafür von Youtube den rubinfarbenen "Playbutton" erhalten. In einem Video mit fast fünf Millionen Aufrufen bezeichnet "PewDiePie" "Tibia" als sein absolutes Lieblingsspiel. Es sei mit "League of Legends", "World of Warcraft" oder "Runescape" nicht vergleichbar. Bevor er seine "Let's Play"-Karriere auf Youtube startet, verbringt "PewDiePie" seine Zeit in den Welten der Regensburger Tüftler. Dort lebt er sich als Teenager richtig aus, haut Leute übers Ohr, bringt ihre Charaktere heimtückisch um und erbeutet deren Ausrüstung. Bis die Spieler von Tibia zurückschlagen.

Großen Firmen suspekt

„1997 ist das Spiel online gegangen“, sagt Vogler. „Am Anfang konnte man die Konkurrenten an einer Hand abzählen. Die Spieler haben uns ohne Werbung die Bude eingerannt.“ Das deutsche Fantasy-MMO konkurriert damals nur mit den Spielen "Ultima Online", "Everquest" und "Lineage". Den großen Firmen sei der Markt zu suspekt gewesen. Sich in einer Online-Welt mit Freunden treffen: Da habe keiner investiert. Gut für die Neulinge: „Jahrelang haben wir nur Wachstum gemanagt.“ Das Unternehmen braucht mehr Rechenkapazitäten, Mitarbeiter, Arbeitsplätze. „Wir sind dreimal umgezogen.“ Teilweise ist weder Platz für neue Kollegen, noch virtueller Platz auf „Tibia“, um neue Spieler aufzunehmen. 90 Mitarbeiter der Regensburger Firma „Cipsoft“ kümmern sich heute in der Prüfeninger Straße 20 um Magier, Drachen und Werwölfe und erwirtschaften jährlich einen Umsatz von knapp 10 Millionen Euro.

Obwohl die Zahl der Spieler seit dem Jahr 2008 kontinuierlich zurückgeht, ist 2017 für das Unternehmen laut eigenen Angaben das erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte gewesen. Die Spieler seien inzwischen bereit, viel mehr Geld für ihr Hobby zu bezahlen, erläutert Vogler. Und manche verbringen dort auch viel mehr Zeit: In "Tibia" gibt es eine geheime Tür, die nur durchschritten werden kann, wenn der Charakter des Spielers ein nahezu unerreichbares Level hat. Die geheime Tür ist ein großes Mysterium innerhalb der Fangemeinde: Was verbirgt sich dahinter? Ein Spieler will es wissen. Neun Jahre verbringt er laut Gamestar damit, seinen Charakter "Kharsek" im Spiel mit der nötigen Erfahrung auszustatten, Level 999 zu erreichen, um die geheime Tür zu durchqueren. Als er das Geheimnis endlich lüftet, ist die Community in heller Aufregung. Es gibt einen Livestream auf Twitch. Doch dann loggt sich "Kharsek" aus und redet mit keinem darüber, was er hinter der geheimen Tür gefunden hat. Gesichert scheint allerdings, dass sich auf der anderen Seite ein versteckter Teil der "Tibia"-Welt befindet, mit dem Namen "Schrödingers Insel".

Kein Disneyland

Hundertausende Spieler besuchen jeden Monat die Welt von „Tibia“. „Fantasy-Onlinespiele haben eine hohe Kundenbindung“, erklärt Vogler. Am Wichtigsten sei die soziale Komponente: Die Spieler kämen wegen ihrer Freunde. „Es gibt viele schöne Geschichten, zum Beispiel Hochzeiten von Leuten, die sich im Spiel kennengelernt haben.“ Es sei dort wie im richtigen Leben, nur eben in einer Fantasy-Welt. Anders als Spiele großer Studios hätten die Regensburger den Fans viele Freiheiten gelassen. Das sei wohl das Erfolgskonzept. „Sie können sich gegenseitig auf die Nerven gehen, jagen und töten. So entstehen Konflikte, die sich echt anfühlen. Sonst wäre das wie Disneyland.“ Inzwischen hat das Spiel sogar eine wirtschaftliche Relevanz für Schwellenländer: Der Bayerische Rundfunk berichtet von Venezuelanern, die ihre Tage in schummerigen Internetcafés verbringen, um in Tibia nach seltenen Gegenständen zu suchen, oder Spielcharaktere zu trainieren. Die verkaufen sie dann an interessierte Spieler auf der ganzen Welt. "Wir haben noch nie so viel verdient", sagt der 29-jährige Efrain Peña den Journalisten von Bloomberg. Der ehemalige Grafikdesigner spielt laut Bericht sieben Tage die Woche im "Mona Pizza Cybercafé" in Caracas, um seine Frau und sein Kind über die Runden zu bringen. Viele Spieler bekommen für das Herumlaufen und Töten von Monstern in virtuellen Welten nur ein paar Dollar am Tag. Aber in Venezuela geht es ihnen dadurch besser als vielen Arbeitern.

Eher belächelt worden

Bei der Firmengründung seien Vogler und seine Mitstreiter eher belächelt worden, erinnert sich der Cipsoft-Geschäftsführer: „Ich habe ja Wirtschaftsinformatik studiert. Meine Studienkollegen haben fast alle danach bei Unternehmensberatungen angefangen.“ Das erste Mal als er das Gefühl hat, das funktioniert, ist kurz nach dem Studium. Da versuchen die vier, erstmals mit ihrem Hobby Geld zu verdienen. „Wir wussten, wenn wir uns jetzt einen Job suchen, dann haben wir keine Zeit. Dann stirbt das Projekt.“

Doch 2001 liegt die Internet-Wirtschaft am Boden. Keiner will investieren und mit Werbung ist im Netz fast nichts zu verdienen. Die Gründer entschließen sich zu einem damals radikalen Schritt: Für den Zugang zu neuen Abenteuern in „Tibia“ verlangen sie 10 Euro im Monat. Würden die Spieler das Angebot annehmen? Der Plan geht auf: Über Nacht ist das Unternehmen liquide. „Seither sind wir organisch aus den laufenden Einnahmen gewachsen. Wir sind komplett unabhängig“, sagt Vogler.

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