12.04.2018 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Tragikkomödie "Vater" im Amberger Stadttheater Tatsächliche und "erinnerte" Geschehnisse

Es ist eine berührende und beklemmende Geschichte, die Florian Zeller, preisgekrönter französischer Dramaturg, mit seiner Tragikomödie "Vater" auf die Bühne gebracht hat. Im Stadttheater Amberg wird sie in einer intensiven, in großem Spannungsbogen präsentierten Aufführung dargestellt.

Brillante Darsteller, überzeugende Regie prägen eine preisgekrönte Tragikkomödie: Florian Zellers "Vater" erlebt im Stadttheater Amberg eine beeindruckende Präsentation. Bild: Steinbacher
von Helmut FischerProfil

Es ist wohl für Betroffene, wie für Angehörige eines der schwierigsten Lebensabschnitte, zu erleben, wie die "eigene Geschichte" zunehmend in Verwirrung gerät, wie sich tatsächliche und "erinnerte" Geschehnisse überlagern, wie man plötzlich, ohne es wissen zu wollen, selbst nicht mehr Herr seines Handelns ist. Und diese "Verwirrung" der Gedanken, der Wahrnehmung, geschieht ja nicht plötzlich, sondern verstärkt sich schleichend, aber mit zunehmender Geschwindigkeit. Im Stadttheater Amberg wird dies in einer Produktion der "Schauspielbühnen in Stuttgart, Altes Schauspielhaus" in eindringlicher Weise erlebbar gemacht.

Wirkliche Handlung?

Die Darstellung der wechselseitigen Beziehungen zwischen dem 80-jährigen Vater Andre', seiner Tochter Anne, ihrem Freund Pierre, und der jungen Krankenpflegerin Laura nehmen das Publikum in zwingender Weise gefangen. Teilweise gerät man selbst in "Verwirrung" darüber, ist das Gesehene nun eine wirkliche Handlung, oder ist es eine gedankliche "Erinnerungsszene" des zunehmend in die Demenz abgleitenden Vaters. "Ich brauche nichts, ich komme alleine sehr gut zurecht" am Anfang des Stückes bis hin zum verzweifelten Statement: "Irgendetwas Seltsames passiert. Als hätte ich kleine Löcher im Gedächtnis. Winzig klein, mit bloßem Auge nicht zu sehen. Aber ich, ich spüre es" - diese zunehmende Verfremdung der Wahrnehmung - sie wird unglaublich eindringlich auf die Bühne gebracht.

Die Verzweiflung seiner Tochter Anne, die zwischen ihrer Sorge um den Vater und ihrer Liebe zu ihrem Lebenspartner schier aufgerieben wird, das (teilweise) Unverständnis ihres Partners Pierre über diese Situation, es ist in der Inszenierung von Rüdiger Hentzschel in dichter Weise deutlich. Das Bühnenbild, matte, durchscheinende Wände, die nur schemenhaft erahnen lassen, dass sich "jenseits der Bühne" etwas bewegte, unterstützt diesen zwiespältigen Eindruck zusätzlich.

Eine (zweite) Tochter - sie ist zunächst präsent auf der Bühne, aber, wie sich am Schluss zeigt, schon lange bei einem Unfall gestorben - in diese "Verwirrtheit" ist das Publikum stets mit einbegriffen. Und die aufblühende Begeisterung des Vaters für seine junge Pflegerin Laura, sie ist ebenfalls ein zwingendes Spiegelbild dessen, was tatsächlich in solchen "Abgleitungen" zu erleben ist.

Getragen wird diese eindrucksvolle Darstellung von den Akteuren. Ernst Wilhelm Lenik verkörpert den Vater mit enormer Wandlungsfähigkeit. Sowohl sein aufbrausender Zorn über einen vermeintlichen Diebstahl, wie auch seine "Rückerinnerungsszenen", seine Dialoge mit seiner Tochter Anne und schließlich auch die Vermittlung am Schluss dass man auch in dementen Zustand, in seinen Erinnerungen lebend, zufriedene, glückliche Momente haben kann- das ist große schauspielerische Kunst.

Nüchterne Betrachtung

Ihm nicht nach steht Irene Christ als seine Tochter Anne, die den Zwiespalt zwischen Sorge um den unberechenbaren Vater, die unter anderem ständige Neuverpflichtungen von Pflegekräften erfordern, mit dem Wunsch, auch der persönlichen Notwendigkeit, mit Pierre, ihrem Partner nach London zu gehen - einfach großartig darzustellen vermag.

Benjamin Kernen ist als Pierre in seiner männlichen "Sachlichkeit" und nüchternen Betrachtung die optimale Besetzung und als junge, attraktive Pflegerin, die den "abgleitenden" Vater sowohl zu "neuem Lebensgeist" animiert, wie sie ihn mit "wir nehmen jetzt Tabletten" bevormundet, was er wahrnimmt und sich verbietet, hat Juliane Köstler eine überzeugende Rolle. Tim Niebuhr verkörpert das Unverständnis eines "Außenstehenden" mit den Problemen des Vaters ("Wie lange wollen Sie uns noch verarschen?") in lebensnaher Weise.

Es ist eine spannungsvolle, mit dramaturgischen Finessen und Überraschungen gespickte Aufführung eines tiefgründigen Werkes, dessen Wirkung sich möglicherweise noch dadurch verstärkt hätte, wenn nach den jeweiligen Szenen kurze Momente des "Nachsinnens" eingebaut worden wären. Das zahlenmäßig leider nur kleine Publikum ist jedenfalls deutlich beeindruckt und spendet den verdienten großen Beifall.

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