16.10.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Vortrag über den Beitrag Carl Friedrich Aichingers zum Schriftsprachdiskurs im 18. Jahrhunderts Ein Grammatik-Vereinfacher aus der Oberpfalz

Generationen von Schülern wären ihm dankbar, wenn sie nur schon von ihm gehört hätten: Carl Friedrich Aichinger, seines Zeichens Oberpfälzer Sprachforscher, der um 1750 eher ungewollt zum Akteur im Schriftsprachenreform-Diskurs wurde. Über das Leben dieses Gelehrten und seine Rivalität zum damaligen Kulturpapst Johann Christoph Gottsched referierte Professor Paul Rössler (Regensburg) im Barocksaal der Provinzialbibliothek.

Der Regensburger Universitäts-Professor Paul Rössler referierte in der Provinzialbibliothek. Bild: Steinbacher
von Johann FrischholzProfil

Anlass für den Vortrag war der 300. Geburtstag Carl Friedrich Aichingers am 31. März. Ein Grund für den aus Österreich stammenden Professor, auf den weniger prominenten, aber trotzdem einflussreichen Sprachreformer, hinzuweisen, dessen wohl wichtigstes Erbe die Reduktion der sechs lateinischen Fälle auf vier in der deutschen Sprache war - im bayerischen eigentlich nur drei, weil man südlich des Weißwurstäquators gerne den Genitiv vernachlässigt.

In der Auseinandersetzung um eine gemeinsame deutsche Schriftsprache standen sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts verschiedene Fraktionen gegenüber. Die wohl wirkmächtigste war die von Johann Christoph Gottsched, der eine mitteldeutsche Lösung anstrebte. Das heißt, er wollte den Dialekt, der in und um das sächsische Meißen gesprochen wurde, als Muster für ein einheitliches Deutsch hernehmen. In der Grammatik favorisierte er die sechs lateinischen Fälle, mit denen sich die Schüler heute noch herumschlagen würden, hätte sich nicht der beschauliche Oberpfälzer Aichinger in die Diskussion eingeklinkt. Er hatte, eigentlich nur für seine Schüler, die im deutschen "schier so oft fehlten, wie im Lateinischen, eine eigene Grammatik erstellt, die als Grundlage für den Deutschunterricht gelten sollte. Diese blieb jedoch anfänglich auf die Wirkungsstätte des vielfach Gelehrten beschränkt, sagte der Regensburger Uni-Professor Paul Rössler. Den Anstoß für seinen Beitrag zu der Debatte, die im ganzen deutschsprachigen Raum geführt wurde, war für Aichinger ein Gedicht des zur damaligen Zeit führenden Germanisten, der im "Klag-Lied des Herrn Professor Gottscheds über das raue Pfälzer-Land in einer Abschieds-Ode" arg gegen unsere Oberpfälzer Heimat polemisierte. "Rau, höckricht, hart und steif" sei der Dialekt der Oberpfälzer, ebenso wie die Landschaft im Osten Bayerns. In seiner Antwort gegen diese harten Vorwürfe nahm Aichinger seine Oberpfalz in Schutz vor dem norddeutschen Angriff auf die bayerische Seele.

Über den daraus entstehenden Diskurs und dessen Ergebnis, nämlich der heutigen Schriftsprache, lieferte Rössler einen umfangreichen Einblick, nicht nur in die Entstehungsgeschichte, sondern auch über Hintergründe der verschiedenen "Schulen". Mit seiner Vorlesung, die so gar nicht akademisch-steif daherkam, vermittelte er den Zuhörern sein Wissen in einer höchst angenehm unterhaltsamen Art und Weise und kürzte spontan seinen Vortrag um einige Absätze und kam nach gut anderthalb höchst informativen Stunden zu einem Ende. Denn im Barocksaal war die Heizung ausgefallen und das wissbegierige Publikum begann allmählich zu frieren.

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