05.04.2018 - 15:26 Uhr
Oberpfalz

Vortrag über religiöse Minderheiten im Orient Allein bei Sunniten 20 Formen des Islam

"Man kann nicht über ein Land sprechen, wenn man nicht dort war" - so leitet Bernd Wohlgut seinen Vortrag ein. Der Nahe Osten ist ihm näher als dem Durchschnitts-Deutschen. Über die Verfolgung von religiösen Minderheiten im Orient spricht der Autor während der Woche gegen Rassismus.

Im Februar 2017 befindet sich Bernd Wohlgut mit seinen kurdischen Gewährsleuten in Lalisch in den Bergen im Nordirak. Lalisch ist das Heiligtum der Jesiden. (Bild: Bernd Wohlgut)
von Dagmar WilliamsonProfil

Amberg. (dwi) Pessimistisch steht Bernd Wohlgut aus Pressath (Kreis Neustadt/Waldnaab) der Frage nach Frieden im Nahen Osten gegenüber. Bei den Sunniten allein gebe es über 20 unterschiedliche Konfessionen des Islam. Was diese von anderen Moslems unterscheide, sei der Glaube an die Seelenwanderung.

Ebenso missionierten sie nicht, sondern verstünden die vielen Religionen als Gottes Wille. Während in Saudi-Arabien das Tanzen und Singen verboten sei, werde im Sudan der Tanz der Derwische zelebriert. Die Kurden seien eher säkular eingestellt, bauten aber dennoch viele Moscheen im Nord-Irak, um sich für das Wohlergehen zu bedanken - besucht würden diese aber nicht regelmäßig.

Die Durchsetzung des Islams im Orient dauerte laut Wohlgut über ein Jahrhundert und scheine ein immer fortwährender Prozess zu sein. Die Kurden konnten einen Teil im Norden des Irak besiedeln und sich bestehenden Gesetzen widersetzen, wie dem Verbot von christlichen Feiertagen und Alkohol, was den Messwein beinhaltet. Trotzdem nutzten reiche und einflussreiche Araber diese Freiheit aus und füllten sich bei den Kurden das Hochprozentige in Apfelsaftflaschen ab. Von moslemischer Kleidung sehen die Kurden nach dem Worten des Pressathers ab. Kein Schleier, aber das Kopftuch werde getragen. Der Rest des Landes dulde das. Aber als 90 Prozent im September vergangenen Jahres für die Unabhängigkeit Kurdistans gestimmt hatten, weigerte sich Ministerpräsident Haider al-Abadi, das Referendum anzuerkennen.

Ein weiterer Faktor, warum Bernd Wohlgut glaubt, dass weiterhin Unruhen bestehen werden, ist das Clan-Denken der unterschiedlichen Stämme und Familien. "Viele Kinder, Neffen, Cousins - wenn da einem Familienmitglied etwas passiert, muss es gerächt werden", erklärte der Autor. Auch der schlechtere Bildungsstand habe damit zu tun, dass Konflikte an der Tagesordnung sind.

Problematisch sei es geworden, als in Jordanien zwei Millionen Flüchtlinge aus der Westbank eintrafen. In dem Staat seien weder Christen noch Muslime gut auf Israel zu sprechen. Das sei aber kein Antisemitismus, sondern dem liege der geschichtliche Hintergrund in Bezug auf Palästina zugrunde. In Jordanien würden die unterschiedlichen Herkunftsländer akzeptiert. Moslems stünden in der Osterwoche vor den christlichen Kirchen Wache, damit der Palmsonntag gefeiert werden kann. Anders als in Pakistan, wo Selbstmordattentäter einen christlichen Gottesdienst angriffen. Im Irak lebten laut Bernd Wohlgut unter Saddam Hussein 1,3 Millionen Christen, heute seien es weniger als 300 000. Mit der Vertreibung und der Verfolgung der verbliebenen Christen aus der Ninive-Ebene und Mossul habe sich dieser Rückgang beschleunigt. Im Libanon, wo der Anteil der Christen am höchsten gewesen sei, seien es jetzt nur noch rund 30 Prozent. "Flüchtlingskrisen können aber auch produziert werden", sagte Wohlgut. Indem zum Beispiel ein Abkommen der europäischen Mitgliedstaaten mit dem Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge nicht eingehalten wird. Auf einmal sei die Unterstützung, auch aus Deutschland um 50 Prozent gekürzt worden. "Woher denken Sie, kommt ein Teil unserer sogenannten schwarzen Zahlen?" Eine rhetorische Frage des Autors, die zum Nachdenken anregen sollte.

Bernd Wohlgut arbeitet seit zwölf Jahren für die US-Armee in Grafenwöhr und schreibt für UN-Publikationen und Amnesty International. Vier Bücher über den Nahen Osten wurden bereits publiziert - ein weiteres ist derzeit in Bearbeitung.

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