16.04.2016 - 02:00 Uhr
Oberpfalz

"Wanted! Hanns Eisler" Entführung in ungewöhnliche Klang-Regionen

Von Marielouise Scharf

Mit dem ungewöhnlichen Projekt "Wanted! Hanns Eisler" erinnert das Trio Das Kapital zusammen mit den Film-Spezialisten des Teams Manic Cinema an den vor etwas über einem halben Jahrhundert verstorbenen deutschen Komponisten.
von Redaktion OnetzProfil

Amberg. Kultur als Abenteuer erleben, das ist bei den Amberger Studiokonzerten durchaus erwünscht! Auch am Freitagabend entführte die deutsch-dänisch-französische Formation "Das Kapital" mit ihrem Eisler-Bild-und-Ton-Experiment das Publikum in unbekannte und ungewöhnliche Klang-Regionen. "Das Kapital" - schon der Name der Gruppe klingt provokant programmatisch. Der Titel des Abends "Wanted! Hanns Eisler" erinnert an reißerische Wildwestmovies. Das Programm mit Kompositionen von Eisler und Improvisationen der drei ausgezeichneten Musiker läuft eine gute Stunde lang ohne Pause.

Neue Dimensionen

Die filmische Illustration von Manic Cinema (Filmemacher Nicolas Humbert und Martin Otter) öffnet neue Blicke und Dimensionen: Menschen und Maschinen, Eisler auf T-Shirts und Plakaten, Parolen und Politik, fließendes Wasser und ziehende Wolken, schwarz-weiße DDR-Tristesse und Demonstrationen, Kommunismus Ost und Kapitalismus West. Die Musik dazu verführt und berührt, wirkt wie ein Sog und überrollt mit Wucht. Saxofonist Daniel Erdmann, Gitarrist Hasse Poulsen und Drummer Edward Perraud liefern keine Anleitung, wie alles zu sehen und zu verstehen ist. Jeder darf seine eigene Übersetzung finden in dieser Mischung aus Eisler-Kompositionen, bluesig-souligen Intermezzi, poetisch-sensiblen Intervallen und freiem, lautmalerischem Jazz. Aus dem reichen Oeuvre Eislers, der als Komponist der DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen" nach dem Text von Johannes R. Becher bekannt ist, der aber sehr vielseitig war und neben Kampfmusik unter anderem auch für Hollywood und Brecht komponiert hat, fischt das Trio Besonderheiten.

Dabei schont sich keiner der Interpreten, auch nicht sein Instrument. Für die passende Geräuschkulisse der eigenwilligen Collage aus Liedern, Bildern und Text wird gesägt, geschlagen, getrommelt, "gebest", geklopft, geklingelt, gekratzt und geblasen. Nicht nur auf den unterschiedlichsten Schlag- und Effektinstrumenten, auch die Gitarre wird so kräftig bearbeitet. Das Saxofon modelliert und unterstreicht mit kratziger Tiefe die Bedeutung und Brisanz des facettenreichen Eisler-Abends.

Respektvoller Applaus

Die Blicke pendeln hin und zurück zwischen dem Geschehen auf der Bühne und dem großformatigen Leinwandepos. Seh- und Hörwinkel kreuzen, Film und Musik finden und vereinen sich. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Erinnerung verschwimmen. Gefühl und Verstand sind gleichermaßen angesprochen und aufgewühlt von den Erlebnissen dieser Eisler-Nacht. Das Kultur-Abenteuer hat sich gelohnt. Respektvoller Applaus.

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