13.09.2013 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

39-Jähriger kann sich nicht selbst erschossen haben - Gutachter sagen im Mordprozess aus Trumpfkarten im Pokerspiel um Alibi

Als die Sachverständigen zu Wort kamen, zogen dunkle Wolken über dem Alibi der wegen Mordes angeklagten Frau auf. Denn seither weiß man: Ihr Ehemann kann sich, wie sie sagt, in der Nacht zum 17. April vergangenen Jahres im gemeinsam bewohnten Haus in Pfreimd nicht selbst erschossen haben. Auch ein Unfall gilt als ausgeschlossen. Was übrig bleibt, ist die dringende Vermutung: Er wurde umgebracht. Aber von wem?

Die Gutachterbank im Sitzungssaal des Amberger Schwurgerichts. Die Aussagen der Experten aus München und Münster werden maßgeblich sein für die Entscheidung, ob die Angeklagte freigesprochen wird oder lebenslang ins Gefängnis kommt. Links der Waffenexperte Martin Welter vom Landeskriminalamt, daneben der Rechtsmediziner Dr. Oliver Peschel und der Diplom-Biologe Dr. Martin Schulz von der Münchner Rechtsmedizin sowie ein Rechtsmediziner aus Münster. Er kommt am Freitag zu Wort. Bild: Hartl
von Autor HWOProfil

Vierter Tag im Pfreimder Mordprozess. Im Poker der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft wurden Trumpfkarten ausgespielt. Als sie auf dem Tisch lagen, sahen die Anwälte schlecht aus. Doch die Verteidiger Robert Hankowetz und Norbert Deuschl (beide Regensburg) spielen weiter und versuchen vor dem Amberger Schwurgericht unverdrossen die Theorie zu bekräftigen, dass sich der 39-jährige Speditionsunternehmer aus Pfreimd im Keller seines Anwesens selbst tötete.

Wie hätte er das tun können, auf welche Weise wäre das mit einem 1,03 Meter langen Jagdgewehr gegangen? "Auf keinen Fall", sagte der Waffenexperte Martin Welter vom Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) am vierten Verhandlungstag. Welter wörtlich: "Der Schuss fiel aus 40 Zentimetern Entfernung." Womit Tatsachen geschaffen waren. Denn der 39-Jährige hätte mit seinen Händen den Abzug niemals erreicht. Höchstens durch eine vorher gebaute technische Einrichtung. Die aber gab es nicht.

Hatte der Tote sogenannte Schmauchspuren an seinen Händen? In einem Gutachten verneinte dies der Erlanger Rechtsmediziner Professor Siegfried Seidl und bezeichnete vorgefundene dunkle Stellen als Leichenflecken. Waffenexperte Welter fügte hinzu: "Er hatte wohl Schmauchpartikel am Körper. Das aber ist in einem Haushalt von Leuten, die auf die Jagd gehen, durchaus möglich. Schmauchspuren an den Händen aber gab es nicht. Und die hätten bei einer Selbsttötung auf jeden Fall vorhanden sein müssen."
Die Strategie der Verteidiger war somit in Schieflage. Noch einmal unternahmen sie einen Vorstoß, als eine für Phonetik zuständige Sachverständige des Landeskriminalamtes schilderte, wie ihr Gutachten darüber entstand, ob die Angeklagte, nach ihren polizeilich gemachten Angaben unter der Dusche stehend, den im Keller abgefeuerten Schuss hätte hören können. Dabei stellte sich heraus, dass dies bei laufender Brause eher schlecht möglich gewesen wäre.

Allerdings: Bei der Person, die für das Gutachten unter der Dusche stand, handelte es sich um die den Fall sachbearbeitende Kriminaloberkommissarin. Nicht eben glücklich und deswegen von Anwalt Robert Hankowetz gerügt. Er beantragte: "Das Gutachten kann nicht verwertet werden." Eine Entscheidung darüber behielt sich das Schwurgericht vor. Es muss im Übrigen auch noch über 17 weitere Beweisanträge von Hankowetz entscheiden. (Seite 3)

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.