07.02.2004 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Au-pair-Mädchen in Amberg: Grenzen zwischen Familienanschluss und Ausbeutung sind fließend Große Schwester oder Billig-Putzfrau

"Ich hatte vor meiner Abreise große Angst", verrät Dagmar Jelková, 20 Jahre, aus dem nordmährischen Städtchen Zábreh. "Ich hatte so viel darüber gehört, dass Au-pairs geschlagen wurden, ihnen der Pass genommen wurde." Die Furcht war unbegründet, Dagmar fühlt sich bei den Sturms in Amberg pudelwohl.

von Uli Piehler Kontakt Profil

Die schüchterne Abiturientin und die neunjährige Anna verstehen sich prima. Dagmar betreut den Sturm-Nachwuchs bei den Klavier-Etüden, bringt sie zum Tennis-Training und hilft bei den Hausaufgaben.

Vormittags ist für die Bürgermeistertochter nicht viel zu tun. Anna ist in der Schule, die Gasteltern sind im Büro. Mittags macht sie für sich und ihren aufgeweckten Schützling etwas zum Essen, danach passt sie auf, dass Mademoiselle ihre schulischen Pflichten erledigt. "Leichte Aufgaben im Haushalt" hat sie zu erledigen, wie es im Vertrag steht, nie mehr als 30 Stunden. "Eher weniger", freut sich Dagmar, die abends und am Wochenende gerne ihre Freundinnen besucht. "Ihre Eltern waren richtig stolz, als sie in Zábreh mit dem Auto vorgefahren ist", grinst Familienoberhaupt Georg Sturm, der Dagmar aus seinem Fundus einen guten Gebrauchten vor die Tür gestellt hat. "Was soll's, das Madl soll sich doch frei bewegen können", meint der Unternehmer in Sachen Mobilität.

"Frisst meine Chips"

Dagmar führt bei den Sturms ein Au-pair-Dasein wie aus dem Bilderbuch - wie eine erwachsene Tochter hilft sie im Haushalt, ist für Anna da, wenn die Erwachsenen arbeiten oder mal ausgehen wollen. Dafür kann sie hier Land und Leute kennenlernen, macht ihren Sprachkurs, hat ihr eigenes Zimmer und exakt 205 Euro Taschengeld. Sturm: "Als wir vor zehn Jahren von einem Bekannten auf die Idee gebracht wurden, ein Au-pair-Mädchen zu engagieren, ging es uns darum, eine zuverlässige Betreuerin zu finden."

Da die Schwiegereltern selbst noch berufstätig und die eigenen Eltern bereits verstorben waren, blieb nur die Alternative Babysitterin: "Wir wollten nicht ständig davon abhängig sein, ob so eine Madame, die sich bei uns auf die Couch fläzt und meine Chips frisst, gnädigerweise Zeit hat." Nicht immer machte der Vorsitzende des CSU-Ortsverbands Süd-Ost gute Erfahrungen mit seinen jungen Gästen. Zweimal hatte er junge Damen aus der Ukraine im Haus, die wohl andere Absichten hatten, als das bisschen Haushalt zu schmeißen: "Eine hat mich regelrecht angemacht und wollte meine Frau überreden, sich scheiden zu lassen, damit sie als meine Scheinehefrau hier bleiben kann." Einige Agenturen haben sich darauf spezialisiert, Armutsflüchtlinge auf diesem Weg nach Deutschland zu transportieren. Missbrauch in jeder Hinsicht ist so Tür und Tor geöffnet: Die laxen Bestimmungen für Au-pair-Verhältnisse könnten so zu Einfallschneisen für skrupellose Menschenhändler werden.

Thomas Rambach, Sachgebietsleiter für das Ausländerwesen bei der Stadt Amberg, beschreibt die Genehmigungsprozedur: "Der Antrag wird über eine Agentur gestellt. Die Mädchen müssen zwischen 17 und 25 Jahre alt sein und über Deutschkenntnisse verfügen." Bei der "Prüfung" des Antrags kontrolliert die Sachbearbeiterin, ob das Vertragsformular korrekt ausgefüllt wurde, wie Reinhold Dauerer, Pressereferent beim zuständigen Arbeitsamt in Schwandorf, bestätigt: "Der Vertrag regelt, dass die Mädchen nicht mehr als fünf Stunden täglich und 30 Stunden wöchentlich leichte Hausarbeiten verrichten, Gelegenheit erhalten, einen Deutschkurs zu absolvieren, ein eigenes Zimmer bekommen und eine Kranken- und Unfallversicherung für sie abgeschlossen wird."

Au-pair-Mädchen bekommen nur Familien mit Kind zugeteilt, wobei nicht beide Elternteile voll berufstätig sein dürfen. "Das Problem dabei ist", gibt Rambach zu, "dass Leute, die es darauf anlegen, die Mädchen auszubeuten, das nicht in den Vertrag schreiben." Von den fünf derzeitig in Amberg und den etwa 70 im Arbeitsamtsbezirk beschäftigten Mädchen ist ihm kein Missbrauchsvorwurf bekannt.

Marianne Lauritzen kam im September 1996 als Au-pair erst in den Schwarzwald, zog dann mit der Familie - der Mann war Bundeswehrler - nach Amberg um. "Es war schon ein sehr schwieriges Jahr für mich", sagt die zupackende, heute 27-jährige Handballerin. "Solange ich nur für die Familie da war, war alles in Ordnung. Aber sobald ich meine eigenen sozialen Kontakte aufbaute, gab es Ärger."

"Hatte einfach da zu sein"

Im Schnitt kam Marianne auf eine 40-Stunden-Woche - wenn ihren berufstätigen Gasteltern nicht spontan einfiel, auszugehen: "Dann war es egal, ob ich schon etwas ausgemacht hatte, ich hatte einfach da zu sein." Die blonde Norwegerin macht kein Drama aus ihrer Geschichte: "Ich wollte nicht streiten, wahrscheinlich haben die gar nicht gemerkt, dass sie mich als Vollzeit-Haushaltshilfe eingesetzt haben." Marianne lebt heute mit ihrem zukünftigen Mann, einem vierjährigen Sohn und Nachwuchs im Bauch in Illschwang - ein Wirtschaftsflüchtling ist die selbstbewusste Ergo- und Physiotherapeutin sicher nicht. Sie würde gerne zurück auf ihre kleine Insel südlich von Trondheim. "Mein Mann will nicht", seufzt Marianne. "Aber hier ist es schon auch ganz gut."

Die Grenzen zwischen Au-pair und ausgenutzter Haushaltskraft sind fließend. Thomas Rambach vom Ausländeramt würde deshalb eine bessere Betreuung der Mädchen begrüßen: "Regelmäßige Treffen, bei dem die Au-pairs ihre Eindrücke schildern, wären zu begrüßen." Und wieder einmal könnte Amberg bundesweit eine Vorreiterrolle spielen.

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