30.08.2014 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Ein Besuch im Kunstkombinat in der Neustift - Heute um 19.30 Uhr Vernissage am Ende eines ... McTropolis muss noch ein bisschen warten

Es ist dieses ganz besondere Gefühl, das einen beim Betreten dieses Innenhofs sofort für sich einnimmt. Es strahlt vom verwohnt-charmanten Gemäuer aus, kommt aus den rissigen Brettern und ergreift Besitz von den elf Frauen und Männern, die hier für eine Woche aus ihren Gefühlen und Gedanken Kunst werden lassen.

von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Das Kunstkombinat in der Neustift heißt die Menschen mit offenen Türen willkommen. Wer hier eintritt, findet sich in einem Biotop der Kunst wieder, einem Lebensraum der Kreativität. Die beiden Frauen hinter der Idee, Marion Mack und Michaela Peter, haben dieses Gefühl aufgegriffen und es zum Thema ihres diesjährigen Symposiums gemacht, zu dem sie neun weitere Künstler eingeladen haben. Die verwandeln hier seit Montag ihre ganz speziellen Gefühle und Empfindungen in Bilder, Skulpturen oder eine bunte Mischung von alledem.

Die Latte als Kunstwerk

Schon im Eingangsbereich fällt die Hütte auf, die Michaela Peter aus einem seit langem im Hof liegenden Stoß alter Holzteile geschaffen hat. "Ich arbeite gerne mit dem, was ich so vorfinde", sagt die Kunsttherapeutin und hämmert geräuschvoll einen Nagel in eine Latte. Der Raum, den sie baut, wuchert gerade in die anderen Zimmer des Kunstkombinats, schafft einen eigenen Lebensraum in diesem Habitat der ehemaligen Schrauben und Beschläge.

Urplötzlich rauscht Marcus Trepesch herein, schmeißt sich auf den Boden, kritzelt mit dem dicken Edding ein paar Linien auf das Bild, das er dort malt, macht einen seiner politisch unkorrekten Scherze und ist schon wieder draußen. Johann Sturcz kennt das schon. Er arbeitet gleich nebenan, zerstört die zunächst friedlich wirkenden Collagen aus Zeitschriften und dem Ikea-Katalog mit blutigen Bissen und Brüchen. "Ich war hier drei Tage nur am Schauen", so erzählt er. Erst allmählich entwickelt er aus den gesammelten Gedanken und Gesprächen seine ganz eigene Kunst. "Und ich bin gespannt, was am Ende übrigbleibt."

Schon schwebt der wunderschöne Singsang der ungarischen Sprache durch den Raum. Lilian Kovacs, die Diplom-Bildhauerin mit Atelier im Kunstkombinat, findet gerade den passenden deutschen Ausdruck nicht und fragt Johann, wie das genau heißt. "Mein Habitat, das ist meine Familie und meine Seele", sagt sie und versucht sich weit außerhalb ihres ureigensten Genres an einem Aquarell. Die Inspiration der Gruppe hat sie gepackt.

Es wird sehr viel geredet

Ganz vorne in der Ecke stehen drei eigenartige, schwarze Ostereier. "Irgendwie schauen die doch aus wie Schuhe", lacht Hanna Regina Uber. Die Bildhauerin aus Aschach genießt es, unter Gleichgesinnten zu schneiden und zu kleben. "Hier wird sehr ernsthaft über Kunst geredet", sagt sie. Natürlich beherrscht sie wie alle anderen auch ihr Handwerk perfekt. Doch sie genießt die geistigen Einflüsse, die von allen Seiten einfliegen, sieht einen kreativen Vulkan in den alten Räumen brodeln, einen Urknall der Kunst.

Mitten im Hof steht Heini Hohl und malt. Für diese eine Woche hat er den Tuschestift, seinen seit langem treuen Malgefährten, beiseite gelegt. Er schafft eine kunterbunte Kugel, die über einem Meer der Farbtöne schwebt. Ein ganz eigener Lebensraum, von dem er nicht weiß, wie der am Ende auch nur annähernd aussehen wird.

Auch Steffen Orlowski mag sich hier und jetzt nicht festlegen. "Ich will mal schauen, wohin mich mein Machen-Tun bringen wird", philosophiert er vor den Glaskolben, Tonklumpen und Pappröhren, die sich auf seinem Arbeitsplatz angesammelt haben. Steffen lässt sich treiben - er will das im Augenblick so. Sucht seinen Lebensraum in einer Welt, die momentan keine Einschränkungen erfahren soll. "Ich will nur wenige Limitationen geben, das Leben gibt davon doch genug", so sagt er und verschwindet auch schon im intensiven Dialog mit Max Jacquard, dem eloquenten Engländer, der seinen tiefen Gedanken in zwei Sprachen freien Lauf lässt.

Max war nämlich bei McDonalds. Aber dazu später. Direkt neben Steffen lässt Kurt Etzold stählerne Lebensräume aus eisernem Bambus wachsen. "Ich habe auch mal mit Glas experimentiert", erzählt er vom gemeinsam Arbeiten und Ausprobieren. Letztendlich hat ihn sein ureigenster Werkstoff Eisen aber nicht losgelassen.

Max Jacquard war also bei McDonalds. Er hat sich in Prag einen Hamburger und Pommes gegönnt. Hat diesen eher seltenen Ausflug ins Fast Food in Zusammenhang gebracht mit den traurigen Plattensiedlungen am Stadtrand der tschechischen Hauptstadt. Und so finden sich jetzt die Schachteln, die einst das schnelle Essen serviert haben, als Basis für eine wirre Pappstadt aus lebensfeindlichen Wohnwaben. "Vielleicht ist das die Zukunft des Planeten", so fürchtet er. "Eine Art McTropolis". Er setzt dem den Entwurf von Ton-Häusern entgegen, die auch künftig angemessenen Lebensraum für alle Menschen bieten sollen.

Rehlein auf grüner Wiese

Der passt bei Stephan Stock in eine ehemalige Industrielampe. Hinter dickem Panzerglas hüpfen fröhlich ein paar Rehlein über eine Wiese mitten im Wald. Inspiriert vom Kino-Klassiker "Silent Running", in dem Raumschiffe durch das Weltall rasen, in denen Pflanzen gezüchtet werden für eine Zukunft auf einem anderen Planeten. Stephan Stock steht wie auf einem Kommandostand über dem kreativen Innenhof, ist immer gut gelaunt und sorgt überall dort für Licht, wo sonst nur Dunkelheit wäre.

Erleuchtung braucht Marion Mack keine. Sie hat sich auf dem gegenüberliegenden Balkon eingerichtet. Hier malt sie am Torso einer Plastikpuppe, verziert den Körper mit Formen, die sich in einem Buch gefunden haben. "Für mich ist dieser Körper ein Habitat", sagt sie und erzählt sogleich von den Problemen, das Haus für die Kunst zu erhalten, dem großen Lebensraum der Kreativität eine Heimat zu geben. "Ich glaube, das Haus will uns aber nicht loslassen", schaut sie optimistisch in die Zukunt. Die beginnt übrigens heute um 19.30 Uhr mit der Vernissage im Kunstkombinat. Dann sind die - hoffentlich - fertigen Lebensräume der elf Künstler zu bestaunen.

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