31.08.2012 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Eine Zuggarnitur Prag-Nürnberg bietet noch das rare Erlebnis, die Fenster herunterzulassen und ... ALX 350: Dort, wo noch der Vorhang tanzt

Mag der eine oder andere vielleicht etwas die Nase rümpfen, Eisenbahn-Nostalgikern geht jedenfalls das Herz auf. Speziell Pendler und auch Rucksackreisende wissen zudem irgendwo zwischen Prag und Nürnberg durchaus den Vorteil eines ehemaligen Gepäck- oder Postwagens des ALX 350 zu schätzen: Da lassen sich noch die Seitenfenster öffnen.

"Shopping in Nürnberg" war das Ziel der beiden 19-Jährigen Chamerinnen Nicole und Kirstin (von links) an einem arbeitsfreien Tag. Bis dorthin ließen sie sich etwas Fahrtwind um die Ohren wehen und staunten: "Cabrio-Feeling."
von Rudolf BarroisProfil

Triebwagen- und Hochgeschwindigkeits-Bahntechnologie kennen diese archaische Form der Innenbelüftung von Zügen nicht mehr. Stattdessen aber umso mehr Ärger mit Klimaanlagen. Davon kann die Deutsche Bahn nicht nur ein Lied singen, weshalb ein womöglich klapperndes, aber jederzeit herunterschiebbares Fenster eines Zugabteils angesichts hochsommerlicher Temperaturen schon etwas sehr Beruhigendes an sich hat.

Nur eine Garnitur

Der umgangssprachliche "Alex" der Verbindung Prag-Nürnberg (offiziell ALX-Züge) wird auf der Direktroute mit zwei Zugpaaren, sprich vier Garnituren, bedient. Der ALX 350 trägt den Namen Karel Capek (1890-1938, Journalist und Schriftsteller) und ist in einer Zusammenstellung ausschließlich mit tschechischen Wagen ausgestattet. Darunter auch jenes ominöse Gefährt, das im Zeitalter der klimatisierten Waggons auf die Lüftungstechnik zu öffnender Fenster setzt.

Der dunkelgrün matt lackierte Wagen ist der vorletzte des Zuges. Am Ende hängt die 1. Klasse in Großraumversion. Dort gähnende Leere. In dem vor Praktikabilität und reichlich angestoßenem Resopalcharme der 70er strotzenden nächsten Waggon dagegen pralles Leben. Hier treffen das Dienstabteil des Zugbegleiters, eine Nische für Rollstuhlfahrer oder Familien mit Kinderwagen und ein Abteil für Fahrräder zusammen. In der anderen Hälfte gibt es übliche Fahrgastabteile, die besonders bei wieder häufiger anzutreffenden Rucksackreisenden beliebt zu sein scheinen.

Resopal-Charme pur

Wie viele Zugkilometer dieses Exemplar der sogenannten UIC-X-Bauart (UIC = Internationaler Eisenbahnverband) auf den Achsen haben mag, diese Überlegung dürfte in philosophische Dimensionen vorstoßen. Die Grundkonstruktion stammt aus den 50er Jahren und war für den damaligen Schnellzugbetrieb ausgelegt. Gebaut wurden unterschiedlichste Modell- und Ausstattungsvarianten bis in die 80er Jahre hinein. Das in den ALX 350 eingegliederte Modell einer Gepäck- oder Postwagenversion dürfte bei wer weiß wie vielen neuen Sitzbezügen kaum nach 1970 aufgelegt worden sein.

An diesem Morgen luden recht angenehme Hochsommer-Temperaturen durchaus dazu ein, den großen Zugfenster-Test zu wagen. Denn kaum mehr lehnen Fahrgäste bei heruntergelassener Scheibe an den Wagenwänden, um sich den Fahrtwind einfach so um die Nase wehen zu lassen und Bewegung auch als ein Spiel mit dem Fahrtwind erleben zu wollen. Früher ein Klassiker unter den Zugreise-Szenarios, gibt es keine aus den Fenstern winkenden Menschen und Kinder mehr, werden zum Abschied keine sehnsüchtigen Kusshände mehr aus Waggons heraus in Richtung Bahnsteig geworfen.

Staunen: "Cabrio-Feeling"

Wer sich fahrend, reisend den Wind um die Ohren pfeifen lassen möchte, der greift heute zum Oben-ohne-Auto. "Cabrio-Feeling", schauten sich nicht zuletzt deshalb lächelnd und etwas erstaunt Kirstin und Nicole aus Cham an, nachdem sie für ein paar Fotos für die AZ posiert hatten. Derweil kämpfte bei geöffnetem Fenster in einem Zugabteil dieses Waggon-Oldies des ALX 350 Karel Capek ein Fahrgast mit einem anders gelagerten Problem: dem im Fahrtwind tanzenden Vorhang.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.