15.01.2013 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Erbkrankheit hat 46-Jährigen zum Wrack gemacht Gefahr für die Öffentlichkeit

von Autor HWOProfil

Sie waren drei Brüder. Zwei von ihnen und die Mutter sind bereits an Chorea Huntington gestorben. Seit ein paar Jahren ist nun die mit furchtbaren Folgen einhergehende Erbkrankheit auch bei ihm ausgebrochen. Sein Gehirn nimmt zunehmend Schaden, lässt geordnete Bewegungsabläufe und Denkprozesse nicht mehr zu. Ein menschliches Wrack, das da vor den Richtern der Ersten Strafkammer des Amberger Landgerichts saß.

Nicht, um dort Strafe für mehrere völlig aus dem üblichen Rahmen fallende Delikte erwarten zu müssen. Die Kammer hatte zu entscheiden, ob Chorea Huntington aus dem einst vitalen Familienvater, der später allein lebte, eine Gefahr für die Öffentlichkeit gemacht hat.

Entsetzen und Erschütterung zogen sich durch das Verfahren. Mitunter herrschte auch Sprachlosigkeit. Immer dann, wenn der 46-Jährige sich mühsam zu artikulieren versuchte und dabei deutlich wurde, wie sehr die Hirnerkrankung, nach einigen Vorzeichen im Jahr 2008 endgültig ausgebrochen, in der Zwischenzeit von dem einst als Berufskraftfahrer arbeitenden Mann Besitz ergriffen hat. Geordnetes Gehen, Beherrschung über den eigenen Körper und die zu formulierenden Gedanken - alles kaum mehr möglich.

"Nie vorher gesehen"

Nicht immer bringt Chorea Huntington eine Aggressivität des Patienten mit sich. In diesem Fall schon. Genau da manifestierte sich dann das Problem der Richter. Im Verlauf mehrerer Verhandlungsstunden wurde immer klarer, dass das Leiden einen ansatzlos reagierenden Gewalttäter aus dem 46-Jährigen gemacht hat. Gerne suchte er früher an seinem Heimatort im nordwestlichen Landkreis eine Kneipe auf. Nie kam es zu Ausfälligkeiten. Andere Gäste mochten ihn, die Wirtin auch.

Was in einer Spätsommernacht des Jahres 2011 passierte, war wie ein aus dem Blauen heraus gesetzter Keulenschlag und führte einen Polizisten zu der Feststellung: "Ich habe so etwas nie vorher gesehen." Mit der Wirtsfrau allein im Lokal, lief der damals bereits in den Frührentnerstand versetzte Mann regelrecht Amok. Er schlug das Gasthaus kurz und klein, wütete wie ein Berserker, warf Aschenbecher, wollte sich wohl auch an der Wirtin vergreifen. Sie verbarrikadierte sich in Todesangst in einem Nebenraum und war beim Eintreffen der Polizei mit den Nerven völlig am Ende. Sie ist es bis heute. Nach dem Zwischenfall mit einem Schaden von 11 000 Euro mochte sie nicht länger hinter dem Tresen stehen.
Auch im Keller eines Mietshauses, in dem der 46-Jährige eine völlig verwahrloste Behausung hatte, rastete er aus. Er riss ein Regal von der Wand, stürzte sich auf einen hinzukommenden Bewohner, brachte ihm Verletzungen bei. Wieder ansatzlos und erneut ohne jeglichen Grund.

Kleidung in Fetzen

Es gab einen Fall, den Staatsanwältin Michaela Frauendorfer nicht in den Akten hatte. Erst im Verlauf des als Sicherungsverfahren deklarierten Prozesses wurde er durch den Betreuer des Beschuldigten bekannt. Auch dabei ging der Mann im Herbst 2012 auf Menschen los, riss Kleidung in Fetzen, ließ sich schwer besänftigen. Der Alkohol spielte immer nur eine kleine oder gar keine Rolle.

Vor zwei Monaten wurde der 46-Jährige in ein Alten- und Pflegeheim gebracht. 20 Kilometer entfernt von seinem bisherigen Wohnort. "Gefällt mir dort", hörte die sehr behutsam in ihrer Vernehmung vorgehende Richterin Roswitha Stöber. Dann schob der Mann sofort wieder einen Riegel vor, ließ knapp wissen: "Gute Frau, ich sage nichts - Ende!"
Angesichts der mit enormer Aggressivität begangenen Übergriffe sah die Erste Strafkammer keine Möglichkeit, den 46-Jährigen weiter in seinem erst kürzlich bezogenen Quartier zu belassen. Einem Antrag der Staatsanwältin folgend, wies sie den Schwerkranken in die geschlossene Unterbringung einer Psychiatrie ein. Diese Einweisung zur Bewährung auszusetzen, hielten die Richter für nicht verantwortbar. "Es kann und wird sich nichts am Zustand bessern", sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. In ihrer Entscheidungsbegründung fügte Richterin Stöber hinzu: "Von diesem Mann sind weitere erheblich rechtswidrige Taten zu erwarten." Deswegen müsse die Öffentlichkeit vor ihm geschützt werden. (Angemerkt/Hintergrund)

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