Familie Römmich: Als Deutsche in der Ukraine gelitten, in Sibirien kaserniert, in Estland ...
Die wahre Liebe übersteht alles

Ewald Römmich ist in Worms, seine Frau Karolina in Waterloo geboren. Das sind keine Städte mit ruhmreicher Geschichte, sondern zwei kleine deutsche Dörfer in der Ukraine nahe Odessa. Ewald Römmich wurde 1938 eingeschult: "Vorher konnte ich kein Wort Russisch, aber der Unterricht war auf Russisch", erinnert er sich.

Die ersten drei Klassen musste der Junge dem russischen Unterricht beiwohnen. 1941 wurde die Südukraine von deutschen Truppen besetzt, und der Unterricht wurde drei Jahre in Deutsch gehalten. 1944 wurden alle Deutschen aus dem besetzten Gebiet nach Polen übersiedelt. "Wir sind eingebürgert worden und waren deutsche Reichsbürger." Darum musste er auch im Januar 1945 weiter nach Westen flüchten; zum Teil mit Zügen, zum Teil mit Pferden.

Zu Fuß bis zur Elbe

Ewald Römmich landete in Brandenburg, wo er aber nicht lange blieb. Einige Monate später mussten die umgesiedelten Deutschen wieder flüchten: "Zu Fuß sind wir bis an die Elbe gegangen." Doch kurz vor Kriegsende nahm die sowjetische Armee diese Gebiete ein. Die Familie Römmich, Ewald mit seinen Eltern und fünf Geschwistern, wurde nach Landsberg an der Warthe verschleppt. Dort mussten sie Kartoffeln sammeln. Nach dem Ende der Feldarbeiten wurden die Deutschen in ein Lager eingewiesen. Hier erkrankte Ewald Römmich und kam ins russische Lazarett. Während seines Aufenthaltes wurden seine Geschwister und Eltern in andere Lager gebracht.
Nach der Genesung wollte der junge Mann mit einem russischen Soldaten nach Moskau fahren. Doch Römmich kam nur bis zum weißrussischen Brest. Dort wurde er aufgehalten und als Deutscher ins Lager geschickt. Als noch eine weitere deutsche Familie eingetroffen war, wurden alle im Zug ins sibirische Tomsk transportiert. Als Ewald Römmich dort ankam, war er erst 16 Jahre alt und musste in einem Elektromotorenwerk arbeiten. Er erzählt von dem Glück, das ihm am zweiten Tag nach der Ankunft widerfuhr: "Wir haben in einer Kantine gegessen. In der Früh bin ich hingegangen und traf dort meinen Bruder!" Die beiden waren über unterschiedliche Stationen nach Tomsk gekommen: "Das war ein glücklicher Zufall!", erinnert sich der 83-Jährige. Nach dem Krieg mussten die Deutschen unter Aufsicht arbeiten. "Man hat von uns Fotos gemacht, Fingerabdrücke genommen, wie von richtigen Verbrechern." Ewald und Karolina Römmich erzählen, dass zu der Zeit in Sibirien viele Abkommandierte waren, manche hatten sogar Mitleid mit den Deutschen: "Russen sind an sich sehr gastfreundlich. Nur sind wir im falschen Moment am falschen Ort gewesen."
Karoline Römmich, geborene Odenbach, kam über ähnliche Wege nach Tomsk, wo sie ihren späteren Mann zum ersten Mal sah. "Wir arbeiteten im gleichen Werk und in der gleichen Abteilung. Außerdem wohnten wir in der gleichen Baracke: Wenn meine Tür offen war und ihre auch, dann habe ich Karolina gesehen", erinnert sich Ewald Römmich an das Leben in Tomsk. Sie heirateten 1952.

Vier Jahre nach ihrer Hochzeit wurde die Aufsicht aufgehoben. "Wir waren befreit, aber nicht frei", denn es gab eine Liste mit Aufenthaltsvorschriften. So durften die entlassenen Deutschen zum Beispiel nicht in Grenzgebiete siedeln oder in ihre Heimatortschaften zurückkehren.

"In Sibirien gab es kein Obst und keine Vitamine für die Kinder." Deshalb entschied die Familie, in den Süden umzusiedeln. 1961 landeten sie in Südkasachstan. Dort mussten sie Baumwolle sammeln - nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder, die deshalb oft nicht in die Schule durften: "Die Kinder wurden dort richtig gequält."
Also zog die inzwischen fünfköpfige Familie nach Estland, wo sie bis zu ihrer Ausreise nach Deutschland (1991) blieb. "Wir wollten schon immer ins Vaterland", schildern Ewald und Karolina Römmich. 1966 stellten sie den ersten Antrag - abgelehnt. "17 Jahre lang haben wir dafür gekämpft. Wir sind immer auf Koffern gehockt. Alles vergeblich, bis der Gorbatschow kam."

Zu Hause haben sie immer Deutsch gesprochen, obwohl es offiziell verboten war. "Natürlich hatten wir auch Angst. Es war gefährlich. Und in der Stadt waren wir dann immer still." Ihr Deutsch ist von einem regionalen Dialekt geprägt, der 300 Jahre lang konserviert in der Familie existierte. "Als wir gekommen sind, haben wir fast nichts verstanden." Ihre drei Söhne beherrschen die Sprache einwandfrei: "Man hört es ihnen nicht an, dass sie in Russland geboren sind", sagen die Römmichs.

Immer gut beschäftigt

Auch wenn es nicht die Regel war, bekam die Familie in der ehemaligen Sowjetunion doch zu spüren, dass sie zur Feindnation gehört. Einmal bewarf eine Gruppe von jungen Männern die Fenster ihrer Baracke mit Steinen, ein anderes Mal wurden sie von Frauen im Geschäft beschimpft; alles nur, weil sie Deutsche sind. Doch die Vorfälle waren zum Glück nicht sehr häufig. "Die Leute sind einfach so aufgezogen worden. Deutsch hieß Feind."
"Manche kommen hierher und sind unzufrieden", das können Ewald und Karolina Römmich nicht verstehen: "Wir sind froh, dass wir in Deutschland sind. Wir sagen unseren Kindern immer, dass sie Deutschland nie wieder verlassen sollen."

In Amberg angekommen, wissen die beiden sich zu beschäftigen. Sie sind Mitglieder in der "Landsmannschaft der Deutschen aus Russland". Ewald Römmich war lange Zeit im Vorstand der Erlösergemeinde tätig. Auch seine Frau hat sich durch die Mitgestaltung der Veranstaltungen für die Gemeinde stark gemacht. In ihrer Freizeit strickte und häkelte sie. In letzter Zeit geht es nicht mehr so gut, aber die beiden bleiben optimistisch: "Zu klagen gibt es nichts."

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Die komplette Serie im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/angekommen
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