21.10.2008 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Kirchenhistoriker referiert über "Hitler und die Bibel" - Schizophrenes Verhältnis Heilige Schrift vergewaltigt

von Redaktion OnetzProfil

"Man muss lange suchen, bis man einen Politiker findet, dessen Sprache so biblisch durchtränkt war." Wohl kaum einer würde auf Anhieb erraten, dass dieser Satz auf einen der brutalsten Diktatoren der Geschichte zutrifft: Adolf Hitler (1889-1945). Prof. Dr. Manfred Eder (Osnabrück) stieg mit diesem Statement im Audimax der Hochschule Amberg in einen ebenso ungewöhnlichen wie spannungsgeladenen Vortragsabend ein. Eingeladen hatten hierzu die Hochschulseelsorge und die Bildungswerke beider Kirchen, 70 Interessierte waren gekommen.

Blamables Halbwissen

Zunächst unternahm der aus Deggendorf stammende Kirchenhistoriker einen Rundgang durch das "Buch der Bücher". Das Alte, noch mehr aber das Neue Testament diente Hitler als "Steinbruch", aus dem sich der Demagoge bei zahlreichen Gelegenheiten Bruchstücke herausbrach, um seine Polemik zu würzen. Eder hatte sich bei seinen Forschungen über den Nationalsozialismus die Mühe gemacht, die Reden und viele andere Werke Hitlers nach Bibelzitaten zu durchforsten. Und er wurde fündig! Der Wissenschaftler fand heraus, dass der "Führer" mit einer blamablen Mischung aus theologisch-historischem Halbwissen und grenzenloser Selbstüberschätzung die Heilige Schrift regelrecht vergewaltigte. Der Gipfel von Hitlers theologischer Ignoranz sei seine These, dass Jesus als Sohn eines römischen Legionärs gallischer Herkunft an sich Arier gewesen sei, so Eder zur höchsten Verwunderung des Publikums.
Jesus-Zitate wandte Hitler in blasphemischer Weise auf sich selbst an, erläuterte der Theologe. Nur allzu oft versuchte Hitler, sich gleichsam als neuer Messias zu präsentieren. Für seine wahnwitzige These, der Jude sei "das Ebenbild des Teufels", suchte Hitler in der Bibel angestrengt nach Begründungen. Stets bemühte er die "Vorsehung" zur Rechtfertigung seiner fatalen Politik. Damit begann der Hetzer schon früh. "Ab 1933 aber kannte die Vergöttlichung Hitlers kaum noch Grenzen", konstatierte Prof. Eder. Die "Masche Bibel" hatte offenbar Wirkung gezeigt. Ein NS-Lehrer ließ einmal gar ein Deutschdiktat "Jesus und Hitler" schreiben, worin der "Führer" als besserer Christus dargestellt werde. Auch eine auf Adolf Hitler umgedichtete "Vaterunser"-Bearbeitung existierte laut Eder im "Dritten Reich".

Adolf Hitler habe bewusst versucht, seine Person religiös zu überhöhen, wozu Bibelzitate ganz wesentlich beigetragen haben, machte der Kirchenhistoriker anschaulich klar. "Doch sein pseudo-perfektes Spiel auf der biblischen Klaviatur war reine Tarnung." In Wahrheit hatte der Diktator die Bibel und ihren Inhalt längst über Bord geworfen - "eigentlich hielt Hitler von der Bibel gar nichts", resümierte Eder.

Engagierte Diskussion

So entpuppte sich Hitlers "Bibelarbeit" als Etikettenschwindel par excellence. "Hitler und die Bibel" (so der Titel des Vortrags), das war durch und durch ein "schizophrenes Verhältnis".

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