22.05.2004 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Motorrad-Fahrfertigkeitstraining mit der Verkehrswacht: Viele Tipps, aber auch reichlich Spaß Wer richtig bremst, lebt länger

Die Gleitfolie, die auf dem Siemens-Parkplatz gerade heftig unter Wasser gesetzt wird, zieht das Interesse magisch an. Doch für die knapp zwanzigköpfige Motorrad-Truppe ist diese "Schikane" tabu - eine Gruppe Autofahrer erprobt darauf ihre Fahrzeugbeherrschung. Die Biker werden heute aber auch noch ohne Wasser ganz schön ins Schleudern kommen, beim Fahrfertigkeitstraining der Verkehrswacht.

von Heike Unger Kontakt Profil

"Könner durch Erfahrung" heißt das Motto dieses vierstündigen Kurses, der keineswegs nur für Anfänger gedacht ist, sondern ganz besonders auch für "alte Hasen", die nicht regelmäßig mit ihren Maschinen unterwegs sind oder auch einfach "nur" etwas für ihre eigene Sicherheit tun wollen. Letzteres hatte auch der Motorrad-Stammtisch aus Schwarzenfeld im Hinterkopf, als er sich angemeldet hat - ganz abgesehen davon, dass diese Bikerrunde immer Spaß daran hat, etwas gemeinsam zu unternehmen. Ein "Fahrertraining" ist dabei für sie gar nicht so außergewöhnlich: "Einen Erste-Hilfe-Kurs haben wir auch schon gemacht", erklärt einer von ihnen, "so was kann man immer brauchen".

Lieber mit Vollkasko

Es ist eine recht lustige Truppe, das zeigt sich schnell. "Ihr müsst das ein bisschen realistischer machen", ruft einer der Zweiradfahrer Engelbert Mirbeth von der Verkehrswacht zu: "mit einer Mauer am Ende" - eine erste Kostprobe des Biker-Humors, der an diesem Tag noch öfter durchkommt. Zuerst allerdings wird's noch mal ernst, es müssen Versicherungsverträge unterzeichnet werden. Der Vollkasko-Schutz für die teueren Maschinen wird nicht ohne Grund wärmstens empfohlen. In jedem Kurs landet mindestens eine davon unsanft auf dem Asphalt. Diesmal werden es drei sein.

Fahrlehrer a.D. Andreas Bahle, der die theoretische Einführung übernimmt, hat heute ausschließlich "alte Hasen" vor sich - die Männer und auch einige Frauen in der Gruppe sind alle schon seit Jahren mit ihren Maschinen unterwegs. So kennen sie auch viele der Gefahrensituationen, für die Bahle per Film sensibilisieren will. Aus der Sicht eines Auto- bzw. Motorradfahrers werden dabei ganz alltägliche Verkehrsszenen eingespielt, die alle einen "Haken" haben - etwa jene, in der rechts am Straßenrand eine alte Dame geht, die, als sich der Fahrer von hinten nähert, ganz plötzlich einfach über die Straße marschiert.

Es geht um "vorausschauendes Fahren": Wer mit solchen überraschenden und deshalb auch sehr gefährlichen Reaktionen anderer Verkehrsteilnehmer rechnet, kann schlimme Unfälle vermeiden. Die Theoriestunde entpuppt sich als recht interessanter und vor allem kurzweilig präsentierter Einstieg ins Training. Bahle würzt seine Erläuterungen mit allerlei Anekdoten aus seiner Fahrlehrer-Zeit, die Stammtisch-Fahrer steuern ihrerseits ein paar Scherze bei. Da kommt die Autofahrerin, die im Film gerade den Kofferraum ihres am rechten Fahrbahnrand geparkten Wagens ausgeräumt hat und dann "blind" über die Straße rennt, gerade recht: "Was macht denn die da - die sollte um diese Zeit doch eigentlich in der Küche sein." Biker Albrecht Keller spielt den Chauvi - und hat damit natürlich die Lacher auf seiner Seite.

Schweinehund besiegt

Noch ein paar Erläuterungen in Sachen Bremsweg, dann dürfen die Fahrer zeigen, was sie können. Auf einem Firmenparkplatz im Gewerbegebiet Süd ist mit rot-weiß gestreiften Pylonen ein Parcours mit mehreren Stationen aufgebaut: Zielbremsen, Bremsen und Ausweichen, Slalomfahren und natürlich die Fahrt über die Wippe gehören zum Trainingsprogramm. Tanja Deglau (25) zögert kurz. Sie ist sich nicht ganz sicher, ob sie's mit der Wippe versuchen soll. Doch dann wagt sie es und kommt ohne Probleme über das kippende Brett. Das macht sogar Spaß, wenn man den inneren Schweinehund erst einmal überwunden hat.

Die 25-Jährige aus Oberhaching bei München ist durch Kontakte ihres Bruders mit zum Fahrertraining nach Amberg gekommen. Sie wollte eigentlich schon immer Motorrad fahren, erzählt sie, doch als sie 18 wurde, legte der Papa sein Veto ein. Mit 22 Jahren verwirklichte sie ihren Wunsch doch noch, seither fährt sie Motorrad. Zuerst nur "gedrosselt", inzwischen aber auch mit mehr Power in Gestalt einer 600er Kawasaki - und am liebsten auf Touren in einer Gruppe mit vier bis fünf Gleichgesinnten. Einen Sturz hat die junge Frau auch schon hinter sich. Gleich am ersten Tag, "dann war das auch erledigt", scherzt sie heute. "Danach ist mir das dann nicht noch mal passiert." Wer dazu gehören will, muss so was wegstecken. Und sich auch ein bisschen aufziehen lassen. Natürlich gibt es aus der Stammtisch-Ecke auch für Tanjas Fahrt durch den Slalom-Parcours, bei dem gerade eines der gestreiften Hütchen dran glauben musste, den passenden Kommentar: "Wir sind hier nicht beim Kegeln." Die 25-Jährige nimmt's mit Humor - "das wäre dann ja auch nur ein Punkt gewesen".

Wolfgang Wichmann (25) aus Amberg hat seine Kurvenfahrt gut hinbekommen, Verkehrswacht-Moderator Heinz Dürrbeck ist zufrieden. Wichmann, der als "Einzelkämpfer" im Kurs dabei ist, fährt seit fünf Jahren und wollte an sich "schon immer mal" so ein Training absolvieren, nennt aber auch einen konkreteren Grund für seine Teilnahme: "Vor zwei Jahren hat's mich aus der Kurve getragen, seitdem bin ich ein bissl vorsichtig."

Es macht halt Spaß

Die Lust am Motorradfahren hat ihm dieses Erlebnis trotzdem nicht nehmen können, denn "es macht halt einfach Spaß". Der ist für den jungen Amberger übrigens nicht mit Tempo verbunden: "Ich fahr' mit dem Auto schneller", sagt er, "und wohl auch unaufmerksamer". Im Auto, so sein Eindruck, bekommt man die Geschwindigkeit gar nicht so mit wie auf dem Motorrad, da "merkt man die 150 Sachen, das zerrt schon gewaltig". Wolfgang weiß, worauf es ankommt, wenn er auf zwei Rädern unterwegs ist. "Mit dem Motorrad bist Du gezwungen, voraussschauend zu fahren. Man muss für alle anderen mitdenken." Dieses Credo des 25-Jährigen hätte auch von den beteiligten Moderatoren der Verkehrswacht stammen können. Einer von ihnen, Heinz Dürrbeck, ist über so viel Besonnenheit eines Kursteilnehmers nicht überrascht, im Gegenteil: Ins Training kommen ohnehin "meistens die, die es eigentlich gar nicht bräuchten".

Ein bisschen Üben schadet trotzdem nicht, vor allem, wenn's ums Bremsen geht. Auch nicht denen, die ihre schweren Maschinen offenbar sehr gut im Griff haben. "Eine Gefahrenbremsung übt keiner, da sagt jeder, das kann mir nicht passieren", so Dürrbecks Erfahrung. Dabei habe man festgestellt, dass viele tödlich verunglückte Motorradfahrer heute noch leben könnten, "wenn sie richtig gebremst hätten", fügt sein Kollege Walter Hiesl hinzu.

"So extrem bremsen, das übst du alleine ja nicht", stimmt Albrecht Keller aus Lauf zu, einer vom Stammtisch-Team und seit 35 Jahren Biker. Die Idee vom Fahrertraining, die Stammtisch-Kollegin "Angie" mit der knallgelben Rennmaschine und den roten Teufelshörnchen am Helm hatte, fand er gut - er will wissen, "was ich kann und was ich besser machen kann". Letzteres erfährt jeder Teilnehmer gleich nachdem er eine Parcours-Station durchfahren hat, von einem der drei Moderatoren. Die weisen auf Fehler hin, die sich mit der Zeit eingeschlichen haben oder geben Tipps, wie man mit brenzligen Situationen besser klar kommt.

Fazit: Empfehlenswert

Das ist "auf jeden Fall für jeden Motorradfahrer zu empfehlen", darin sind sich Tanja, Wolfgang und Al-brecht nach den ersten Parcours-Stationen einig. Alle drei können sich deshalb gut vorstellen, dass sie ein solches Fahrertraining wieder einmal mitmachen werden. Vielleicht kommen sie dabei ja auch so sehr auf den Geschmack, wie Marion, die Ehefrau von Verkehrswacht-Moderator Anton Pöllath, die dabei war, um ein paar Übungen "vorzufahren": Ihr machten die Fahrten über die Wippe so viel Spaß, dass sie so eine jetzt auch gerne "für zu Hause" hätte . . .

Weitere Reportagen:

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