Sozialgipfel diskutiert über prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Fragen der Menschlichkeit
"Leiharbeiter nur Verfügungsmasse"

Dr. Stefan Klumpp, Vorstand der Hamm AG, Professor Dr. Johannes Rehm, Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt, Ambergs IG-Metall-Chef Horst Ott, Betriebsseelsorger Richard Wittmann und Kristin Schärl, Betriebsrätin der Firma Randstad, (von links) bestritten die Podiumsdiskussion mit den Gästen im Gewerkschaftshaus. Bild: tpl

Der Amberger Sozialgipfel mit Vertretern von Gewerkschaften, Unternehmen und den zwei großen Kirchen blickte am Mittwoch tiefer hinter die augenscheinlich guten Zahlen des Arbeitsmarktes. "Derzeit werden 40 Prozent der neu vermittelten Arbeitnehmer als Leiharbeiter eingesetzt", machte Udo Fechtner von der örtlichen IG-Metall-Verwaltungsstelle eingangs die derzeitige Situation im Agenturbezirk Schwandorf deutlich.

Der Vorstand des Walzenherstellers Hamm aus Tirschenreuth, Dr. Stefan Klumpp, beschrieb Leiharbeit als "Flexibilisierungsinstrument der Industrie, das dringend gebraucht wird. Es gibt Firmen, die verzichten lieber auf Umsatz, anstatt Personal einzustellen." Gerade in Branchen mit starken wirtschaftlichen Schwankungen sei die Möglichkeit der Leiharbeit ein nicht von der Hand zu weisender Vorteil für die Arbeitgeber. Mit der Aussage "Leiharbeit schafft Arbeitsplätze" stand Klumpp allerdings am Mittwoch bei der Podiumsdiskussion im Gewerkschaftshaus am Schrannenplatz ziemlich allein. Er gab ferner zu bedenken, "dass Einzelfälle oft pauschalisiert werden und deswegen ein völlig falsches Bild in der Gesellschaft entsteht".

In Kantine essen verboten

Kristin Schärl, Betriebsrätin bei Randstad Zeitarbeit, widersprach Klumpps Ausführungen, dass Leiharbeiter, die in einer Firma nicht mehr gebraucht werden, nicht zwangsläufig auf der Straße stehen würden. "Wenn ein Anschlusseinsatz fehlt, dann ist das eben doch der Fall", meinte Schärl überzeugt. Den Umgang mit Leiharbeitern in manchen Firmen bezeichnete sie durchaus als "prekär" und nannte Beispiele:
Sie dürften teils nicht mit in der Kantine essen, müssten, wenn doch, dort höhere Preise bezahlen, tragen andere Arbeitskleidung und "ihnen ist es oftmals sogar untersagt, ihr Auto auf den Firmenparkplätzen abzustellen". So brauche man sich auch nicht zu wundern, dass Leiharbeit manchmal als "moderne Form der Sklaverei" bezeichnet wird, kritisierte Schärl.

Richard Wittmann sprach als Vertreter der Kirchen von fehlender Würde in der Arbeitswelt: "Leiharbeiter sind nur noch Verfügungsmasse und die Verantwortung dafür wird ausgelagert." Aus seiner Funktion als Betriebsseelsorger seien ihm Fälle bekannt, wo komplette Abteilungen aus Leiharbeitern bestünden.

Professor Dr. Johannes Rehm, Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt, forderte, "gute Arbeit muss gerecht entlohnt werden. Es muss möglich sein, sich und seine Familie zu ernähren". Er nannte Arbeit eine "menschliche Lebensform, zu der es auch gehört, die Früchte zu ernten". Als entschiedener Gegner der Leiharbeit trat der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Amberg auf. Horst Ott erinnerte daran, "dass der wirtschaftliche Aufschwung in der Bundesrepublik auch ohne prekäre Beschäftigungsverhältnisse stattfand". Seiner Meinung nach braucht man dieses Instrument nicht, um auf dem Weltmarkt agieren zu können.

Als Sachkosten abgerechnet

"Bei der Leiharbeit ist der Arbeitnehmer kein Mensch mehr, sondern er wird über Sachkosten abgerechnet", redete Ott Klartext. Er gab jedoch auch zu, dass die Gewerkschaft hier in der Anfangsphase "nicht richtig hingeschaut hat". Ott sprach generell von einem "völlig falschen Signal", das vorwiegend junge Leiharbeiter erhielten: "Weniger Geld bei gleicher Arbeit ist durch nichts zu rechtfertigen." Wenn die Beschäftigten immer weniger verdienten, könnten sie auch nicht genügend in die Sozialkassen einbezahlen. Die Altersarmut dieser Leute sei vorprogrammiert.
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