07.02.2004 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

SPD-Stadtratsneuling Ismail Ertug: "Bin nicht der Alibi-Türke" - Politik für alle, die Hilfe ... "Ich will eine Ismail-Ertug-Straße"

"Ismail Ertug ist der erste türkischstämmige Stadtrat Ambergs" - solche Schlagzeilen nerven den 28-jährigen AOK-Angestellten. "Wenn denen nichts anderes zu mir einfällt! Für mich ist die Abstammung nebensächlich." Was ist es dann, was die politische Welt des SPD-Novizen in ihrem Innersten zusammenhält?

von Uli Piehler Kontakt Profil

Wie aus dem Ei gepellt sitzt er da. Top-aktueller Anzug, weißes Hemd, Krawatte, die schwarzen Haare wie einzeln zurecht gelegt. Wenn innen wie außen ist, dann ist Ismail Ertug der oberkorrekte Sozialversicherungsangestellte, ein Aushängeschild für seine Krankenkasse, die er "sehr gerne verkauft": "Wir sind die Gesundheitskasse für alle Menschen mit dem besten Service." Als Fachmann und Referent erläutert er Geschäftskunden die Untiefen der Gesundheitsreform. "Da will ich 100 Prozent fit sein, wälze die Fachliteratur."

Wenn er über Politik spricht, mutiert der Schwiegermama-Schwarm vom AOK-Milden zum roten Wilden: Da möchte einer den "Stadtrat aufmischen", weil ihm zu wenig Bewegung drin ist. Doch keine Sorge, eine Revolution ist von Ertug nicht zu erwarten: "Ich bin keiner, der wie andere Jusos mit Marx-Zitaten auf den Lippen hausieren geht!" Wenn es überhaupt ein politisches Idol für den Ortsvereinsvorsitzenden Süd-Ost gibt, dann der gute Onkel Willy Brandt - Ranglisten-Fünfter unserer ZDF-Besten.

"Der Isi ist ein feiner Kerl"

Bewegen möchte er etwas, der Realschulabsolvent, deshalb macht er nebenbei seinen AOK-Betriebswirt. Und Stadtrat muss auch nicht unbedingt Endstation sein: "Vielleicht sagen die anderen, ,jetzt dreht er durch', aber ich möchte in die Stadtgeschichte eingehen. Ich will, dass mein Name mit etwas Positivem verbunden wird." Positiv wie das Zauberwort Brandt soll das klingen. Die negativsten Assoziationen, die ihm einfallen: "Das wären Hitler und Bin Laden." Aber genau genommen reicht es ihm, wenn alle sagen: "Der Isi ist ein feiner Kerl!"

Wie in aller Welt aber möchte der ehrgeizige Sohn westtürkischer Einwanderer aus Izmir zum eigenen Straßenschild kommen? "Ich möchte mit dazu beitragen, dass Amberg die Stadt in der Oberpfalz überhaupt wird." Die Substanz sei ja schon da, die tolle Innenstadt, eine innovative Fachhochschule, eigenständige Kultur, ein Erlebnisbad - was will man mehr? "Wir müssen der Stadt ein neues Layout verpassen, ein Logo, das die Menschen außerhalb von Amberg wahrnehmen." Deshalb möchte er das Marketing der Stadt ankurbeln, sie nach außen besser verkaufen - wie seine AOK eben.

Und dann erleben wir einen dritten Ertug: Ismail, den Nachdenklichen. "Ich verstehe mich als eine Art Brücke zwischen den Kulturen. Von den Türken werde ich als Deutscher angesehen und umgekehrt vielleicht von den Deutschen als Türke." Anstatt wie andere den Kampf der Kulturen an die Wand zu malen, betont Ertug die Vorteile des deutsch-türkischen Miteinanders. "Die Türken hier, vor allem die aus Anatolien, mussten sich an die westliche Moderne anpassen. Die Deutschen könnten von der Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit des Orients etwas lernen." Politik ist für ihn die Kunst, das Zusammenleben zu gestalten. Im Stadtrat möchte er erreichen, dass Amberg als weltoffene, tolerante Stadt von sich reden macht.

Der Sozi, der deutsch denkt und türkisch glaubt, ist ein moderner Moslem. Fünfmal am Tag zu beten, das ist nur schwer mit seinem Beruf zu vereinbaren - aber das Freitagsgebet ist ein Muss. Der Ramadan ist ihm heilig, den Alkohol hat er eher versehentlich aufgegeben: "Nachdem ich mit dem Fußball aufgehört habe, waren die feuchtfröhlichen Vereinsabende auch vorbei." Nur ungern verrät er, was der Koran ebenfalls vorschreibt: "Du sollst den vierzigsten Teil deines Lohnes den Bedürftigen zukommen lassen!" Darüber redet man freilich nicht. Der AOK-Kalkulator hat das für sich so übersetzt: "2,5 Prozent des Bruttolohnes gebe ich an eine gute Sache."

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