30.07.2004 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Sprachlos durch den Alltag: SkF ermöglicht Aussiedler-Muttis den Einstieg in die neue Heimat Wenn das Leben nochmal beginnt

Wer kennt das nicht: Sie möchten im italienischen Tante-Emma-Laden eine Packung Taschentücher kaufen oder versuchen einem portugiesischen Tankwart die Notwendigkeit eines Ölwechsels zu erklären. Ganz schöne Behinderung, nicht so reden zu können, wie einem der Schnabel gewachsen ist - was für uns eine Urlaubsepisode bleibt, ist für die Frauen im Edith-Stein-Haus Alltag.

von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Die Mütter hier fallen alle unter Paragraph 8 - sie sind Frauen deutschstämmiger Aussiedler und bekommen den Kurs nicht bezahlt", erläutert Anita Mölter vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) die Problematik. "Ohne Sprachkenntnisse kann sich aber niemand integrieren", ergänzt die hauptamtliche SkF-Mitarbeiterin Andrea Graf.

Mehr als Vokabeln

Sprache ist der Schlüssel zum Eintritt in die deutsche Gesellschaft, das weiß keine besser als Irina Frescher. Die Lehrerin im Edith-Stein-Haus möchte mehr vermitteln als nur Grammatik und Vokabeln: "Ich habe die gleiche Situation wie die Frauen erlebt und kann mich deshalb gut in ihre Lage versetzen." Die gebürtige Kasachin ist selbst Mutter und kennt die Doppelbelastung: "Ich hatte anfangs Medizin studiert, aber da blieb kaum mehr Zeit für mein Kind. Ich möchte jetzt auf Sozialpädagogik umsatteln - das passt auch besser zu meinem Berufsziel, anderen Menschen zu helfen."

Irina motiviert ihre zehn Schülerinnen, die bis zum Schluss durchgehalten haben, mit der Aussicht, sich in der neuen Heimat sowohl privat als auch beruflich zu bewähren. "Wir üben natürlich Situationen im Amt. Ich rate immer dazu, das alleine zu probieren und nicht eine Hilfe mitzunehmen. So lernt man das am besten."

Sie klärt aber auch über Sitten und Gebräuche der Oberpfälzer auf, die in den Herkunftsorten gänzlich unbekannt sind: "Die wussten einfach nicht, dass man am Sonntag nicht arbeitet - besonders nichts, was Lärm macht." Durch ihre Tipps beugt sie Missverständnissen vor, die ansonsten schnell zu handfesten Konflikten führen können. "Oft kracht es deshalb, weil die Menschen einander nicht verstehen."

Egal welche Arbeit

"Ich muss, ich möchte Deutsch lernen", betont Ludmila Altinhof aus Jekatharinenburg ihren Sprach-Willen. "Ich verstehe viel, weiß viele Wörter, nur mit dem Sprechen hapert es noch." SkF-Betreuerin Andrea Graf weiß, wie schwierig es ist, eine Sprache zu lernen, wenn das ganze Umfeld russisch spricht: "Deshalb sind solche Gruppen auch so wichtig, wo die Frauen Deutsch sprechen können."

"Ich war in Kasachstan Erzieherin und Lehrerin, aber das wird hier nicht anerkannt", sagt Elena Schimpf. "Ich hoffe jetzt, in dem neuen Seniorenheim in Sulzbach eine Chance zu bekommen - egal, welche Arbeit." Auch die 25-jährige Anna Deibert ist offen für neue berufliche Wege: "Ich war in Kasachstan Buchhalterin, jetzt mache ich einen Kurs als Verkäuferin bei Kolping." Stolz sind die Mütter allesamt auf ihren Nachwuchs, der bereits fließend Deutsch spricht und sich in Schule und Beruf schon ganz gut eingelebt hat.

"Die Kinder sind oft die Dolmetscher, wenn die Familien nicht mehr weiter wissen", erklärt Anita Mölter. Ein bisschen traurig sind die Frauen, dass ihre Lehrerin demnächst zum Studium nach Nürnberg abreisen wird. "Das ist zwar schade, aber es geht im September auf alle Fälle weiter", tröstet Mölter. "Vielleicht ja auch mal nicht schlecht, eine Muttersprachlerin als Lehrerin zu erleben."

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